Donnerstag, 31. August 2017

Zeit

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Eine ungelöste Sache begleitet mich seit meiner Schulzeit: das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben. Das liegt sicher auch daran, daß es so viel gibt, was mich interessiert, wofür ich mich einsetzen möchte, was ich lesen, erleben, erfahren, tun möchte. Und natürlich fand ich schon immer, daß ein Acht-Stunden-Arbeitstag zu lang ist, besonders, wenn diese acht Stunden an einem anderen Ort verbracht werden müssen.
Aber letzte Woche, als ich meine Tochter vom provisorischen ZOB in Kiel abholen wollte, hatte ich plötzlich eine ganze freie Stunde. Ihr Bus von Flensburg (z. Z. dauert die Fahrt mit dem Zug mehr als doppelt so lange wie sonst, da gebaut wird) kam verspätet, weil es einen Stau auf der Autobahn gab. Ich parkte mein Auto und stieg aus. Die Sonne schien, es war angenehm warm, es gab nichts zu tun. Ich schlenderte herum, entdeckte viele wilde blühende Pflanzen, die mitten in der Stadt an den Zäunen, zwischen den Schienen, aus den Rissen im Pflaster wuchsen: Wildnis in der Stadt. Ich sah zu, wie ein Mann auf einem neuen Haus stand und mit einer ausgeklügelten Handchoreographie einem Kranführer anzeigte, wohin er eine Stahlkette senken sollte, an der von zwei weiteren Männern eine Reihe von Gerüstteilen befestigt wurde. Das war Maßarbeit! Vom Parkplatz aus konnte ich auf das glatte Wasser der Hörn schauen, in dem Möwen dümpelten. Einer der Busfahrer hatte eine giftgrüne Krawatte in der Farbe seines Busses. Ein paar Fensterputzer saßen auf dem Bordstein und machten Pause. Alles Sachen, die ich sonst wohl nur am Rande wahrgenommen hätte.
Als meine Tochter schließlich ankam, konnte ich sie nach einer Stunde Muße gut gelaunt empfangen.
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Katharina mäht meinen Rasen. Später haben wir noch Holz im Schuppen gestapelt.
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Martin hat die von Jans geerbten Zeichen- und Druckutensilien vor sich ausgebreitet.

Später fuhren wir nach Flensburg und hatten dort zwei schöne Tage. Übrigens verzichtet Flensburg darauf, sich mit Wahlplakaten zuzupflastern wie andere Städte. K. erzählte, der Bürgermeister wolle keine "Kieler und Neumünsteraner Verhältnisse" (das stimmt so nicht, wie ich jetzt erfahren habe, siehe Korrektur vom 16.9.). Stattdessen bekommen alle Parteien eine relativ kleine Fläche auf Metallstellwänden, die an ausgesuchten Orten in der Stadt stehen. Ich finde diese Idee gut. Überhaupt Werbeplakate: mir gehen jetzt schon Schulz und die stark fotogeshopte Merkel auf den Keks, die mich von jedem zweiten Laternenpfahl angrinsen, ganz zu schweigen von den dämlichen Sprüchen. Aber am bemerkenswertesten finde ich die Plakate mit Lindner von der FDP: nur auf einem sieht er direkt in die Kamera, ansonsten schaut er auf sein Smartphone oder schräg nach unten, man weiß nicht recht wohin, vielleicht hat er einen Fettfleck auf seinem Hemd entdeckt. Was uns das sagen soll, weiß ich nicht. Ich nehme an, die Botschaft ist: ich und mein Smartphone.

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