Freitag, 9. März 2018

Immer die gleiche Geschichte

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Vorletztes Wochenende war ich mit I. in Flensburg. M. erzählte mir, wie gern er wieder mal so viel Schnee hätte wie in meinem zweiten Winter in Lammershagen, als er mir einen Tunnel im Garten baute, damit ich nicht immer beim Holzholen bis zu den Knien im Schnee versinke. Wenige Tage später wurde sein Wunsch erfüllt: Flensburg versank im Schnee. Meine Tochter rief mich ganz vergnügt an, weil sie zwei Tage vom Dienst befreit war. Es ging einfach gar nichts mehr in der Stadt.
Die Fotos, die sie mir schickte, zeigen das:
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Dagegen war es hier und in Kiel zwar sehr, sehr kalt, aber es gab nicht viel Schnee:
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In solchen Extremsituationen, wenn die Alltagsmaschinerie außer Kraft gesetzt wird, erwacht etwas sehr Schönes in vielen Menschen. Das habe ich einige Male erlebt. Da packen alle mit an, um ein Auto aus dem Schnee zu bewegen. Man lächelt sich an, wenn man auf dem freigeschaufelten Pfad aneinander vorbeigeht. Irgendwie scheint ein sehr altes menschliches Bedürfnis erfüllt zu werden: nach Abenteuer, nach gegenseitiger Hilfe, nach Einfachheit vielleicht. In mir wallt jedenfalls immer eine große wilde Freude auf, wenn die Natur zeigt, daß sie mächtiger ist als alle menschlichen Ordnungsbestrebungen.

Weil ich im August mit I. nach Lappland fahren will, lese ich gerade ein Buch, das ich mir schon 1994 gekauft habe, nachdem J. und ich im finnischen Lappland waren: Erzählung vom Leben der Lappen von Johan Turi. Der Autor ist selbst Same und schreibt über das Leben seines Volkes im 19. Jahrhundert.
Es ist immer wieder dieselbe Geschichte: Ein Volk lebt mehr oder minder nomadisch im Einklang mit der Natur. Dann kommen Einwanderer, die Land für sich beanspruchen (im Fall der Samen waren das z. B. die Norweger) und die angestammte Ethnie vertreiben und ihr das Leben schwer bis unmöglich machen. Sie wurden in die Berge gedrängt, wo es für sie und die für sie lebenswichtigen Rentiere kaum Weidegründe gab, ihre Kinder wurden ihnen weggenommen und zwangsbeschult usw.
So und ähnlich haben es die First Nations in den Amerikas erlebt, die Aborigines in Australien, so ist es vor langer Zeit im heutigen Europa geschehen, als die germanischen und keltischen Stämme aus der asiatischen Steppe kamen und die Urbevölkerung bekriegten, ausraubten und verjagten. Die alten Sagen erzählen noch davon, z. B. Heide Göttner-Abendroths Frau Holle - Das Feenvolk der Dolomiten.
Wie kann ich da als Abkömmling der "Herrenrasse" stolz auf meine Nationalität oder Rasse sein? War ich nie und werde ich auch nie sein. Und ich habe sowieso null Verständnis für jegliche Form von Nationalstolz.

Gestern las ich in der Süddeutschen Zeitung eine langen Artikel über das Massaker von My Lai im Jahr 1968. My Lai ist ein Dorf in Vietnam, in dem amerikanische Soldaten innerhalb weniger Stunden 500 Menschen abschlachteten, Frauen, Kinder und alte Leute. Einfach so. Die amerikanische Armee versuchte das zunächst zu vertuschen, irgendwie kam es dann doch an die Öffentlichkeit.
In dem Artikel kommen ein amerikanischer Soldat, der an dem Massaker beteiligt war, und ein Vietnamese, der als Elfjähriger als Einziger die explodierende Granate überlebte, die seine Mutter und seine Geschwister tötete, zu Worte. Der Soldat sagte: Na ja, wir hatten den Befehl, alle zu töten.
Diesen Spruch habe ich als junges Mädchen so oft gehört: Wir sind ja nur Befehlen gefolgt.
1968 war ich vierzehn und es war das Jahr meiner Politisierung: nicht daß ich den Überblick über das Weltgeschehen hatte, aber ich spürte sehr deutlich, daß etwas ganz und gar nicht stimmte. Es kotzte mich einfach ganz fürchterlich an, wenn ich Erwachsene nach der Nazizeit befragte und immer wieder hörte: wir konnten nichts machen, wir sind ja nur Befehlen gefolgt. Ich habe damals nie gehört, daß es der größte Schwachsinn aller Zeiten ist, irgendwelchen Befehlen anderer Leute zu folgen. Wozu haben wir denn unser großes Gehirn, auf das manche Menschen sich so viel einbilden, weil es sie von Tieren abhebt. Ich habe übrigens noch nie gehört, daß Tiere irgendwelchen Befehlen folgen. Es sei denn, sie sind unfreie, von Menschen dressierte Kreaturen.
Ich glaube, das Gehirn wird gnadenlos überschätzt. Mir scheint das Herz wichtiger zu sein, wenn es um Entscheidungen geht.

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