Freitag, 15. Dezember 2017

Abschiebungen

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Die Sonne geht im Südosten auf

In einer der letzten Nächte hatte ich einen realistischen Traum: Ich arbeitete aushilfsweise auf einer anderen Station. Die Kollegin, die mich kurz eingearbeitet hatte, wollte Feierabend machen. Schon an der Tür sagte sie: "Frau X. muss noch gewaschen werden und Frühstück bekommen." Ich war allein mit einer Schülerin. "Wie soll ich das schaffen?" fragte ich. Die Kollegin sah mich nur an und zog die Tür hinter sich zu.
Glücklicherweise wachte ich in dem Moment auf und war erleichtert, daß es nur ein Traum ist. Leider sind solche Situationen aber die Realität, die sich immer häufiger ereignet. Und in der Psychiatrie sind wir im Vergleich noch wesentlich besser dran als z. B. in der Chirurgie oder auf der Intensivstation.
Das alles ist die Folge, wenn aus Krankenhäusern Wirtschaftsunternehmen gemacht werden, die Rendite abwerfen sollen.
Schön satirisch beschrieben auch hier:
https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-5-dezember-2017-100.html

Zwei der Familien, die ich als Sprachpatin seit zwei Jahren betreue, sollen nach Afghanistan abgeschoben werden. Die alte abgewählte Landesregierung von Schleswig-Holstein hatte sämtliche Abschiebungen von afghanischen Menschen wegen der explosiven Lage in ihrem Heimatland ausgesetzt. Aber die neue Landesregierung fügt sich den Anweisungen von Herrn Maizière. Gestern hatten wir Sprachpat*innen ein Treffen und beratschlagten, was wir tun können, um diese Abschiebungen zu verhindern. Die zuständigen Stellen argumentieren mit den Gesetzen, denen sie folgen müssen. Ja, mit den Gesetzen ist das so eine Sache: auf die hat sich ja bereits der Nazi Eichmann berufen. Die Philosophin Hannah Arendt hatte den Prozess gegen ihn in Israel verfolgt und daraufhin den Begriff von der "Banalität des Bösen" geprägt.
Mir ist Nationalstolz, wie ich ihn bei den Franzosen mitbekommen habe, völlig fremd. Ich war nie stolz auf meine deutsche Herkunft. Warum auch? Auf die Geschichte Deutschlands kann eine nicht stolz sein. Überhaupt: Deutschland gibt es doch noch gar nicht lange in der heutigen Form, seine Grenzen waren immer veränderlich wie das mit Grenzen nun mal so ist. Mir gefällt meine Muttersprache, weil ich sie präzise und differenziert finde. Aber ich mag auch Englisch sehr gern, ich liebe den Klang der italienischen Sprache und auch Französisch und Spanisch gefallen mir gut. Es gab Menschen deutscher Herkunft, die wichtig für mein Leben waren: Albrecht Dürer, Hildegard von Bingen, Friedrich Engels, um ein paar wenige zu nennen. Mir gefällt die Vielfalt der Landschaft in Deutschland, wobei es für meinen Geschmack zuviele Menschen und zu wenig Wildnis gibt. Und ich genieße es, im Norden zwischen zwei Meeren zu leben, wo es einfach nur schön ist. Aber Stolz? Nee!
Als im Sommer vor zwei Jahren der große Strom von Geflüchteten bei uns ankam, hat mich die große Welle der Hilfsbereitschaft meiner Landsleute sehr berührt und ich hatte vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben ein positives Gefühl zu Deutschland.
Und als ich dann eine Möglichkeit fand als Sprachpatin den Neuankömmlingen zu helfen, hier gut anzukommen und sich willkommen zu fühlen, hat mich das sehr froh gemacht.
Wir haben dieses Jahr als Ehrenamtliche alle eine Ehrennadel des Landes mit einem Dank vom damaligen Ministerpräsidenten Thorsten Albig bekommen. Ich hätte darauf gut verzichten können. Wenn es eine angemessene Anerkennung unserer Leistung gibt, dann ist es die Bereitschaft, die von uns betreuten Geflüchteten als gleichrangige Mitbürger*innen zu behandeln statt sie zynischerweise wieder in ein Land zurückzuschicken, in dem Krieg und Terror herrschen. Keine der Personen, die Deutschland verlassen sollen, ist straffällig geworden. Stattdessen gehören sie zum Dorf und sprechen mittlerweile passables bis sehr gutes Deutsch. Und ironischerweise sind sie immer noch voll des Lobes über Angela Merkel. Warum eigentlich? Sie hat zwar mal gesagt, daß wir es schaffen mit den Geflüchteten, aber was sagt sie jetzt zu den Abschiebungen? Nichts!
Ich kann mal wieder gar nicht soviel fressen wie ich kotzen möchte.
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Samstag, 9. Dezember 2017

Welle

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Der erste Schnee wollte nicht liegen bleiben

Ein Erlebnis der aufschlussreichen Art:
ich habe am letzten Sonntag einen neuen WLAN-Router angebracht, den mir mein Provider zugeschickt hat, weil er eine Umstellung vornehmen wollte. Schon Tage vorher hatte ich die Befürchtung, daß es Schwierigkeiten geben würde. Besonders misstrauisch hat mich ein Satz im Begleitschreiben gemacht: "Sie werden sehen, wie einfach alles ist!"
Ich habe - wie wohl die meisten - schlechte Erfahrungen mit Telekommunikationsunternehmen gemacht, allen voran mit der Telekom. Der einzige Anbieter, der angenehm aus der Reihe tanzte, war Kielnet, das exzellenten Service bot und bei denen man es mit echten Menschen in echten Geschäftsstellen in Kiel zu tun hatte. Aber Kielnet wurde vor einigen Jahren von Versatel übernommen und jetzt gehört es zu 1&1.
Obwohl ich mir sehr sicher war, daß ich alles richtig gemacht hatte (es gab ja eine Schritt-für-Schritt-Anleitung), funktionierte seit Montag weder Telefon noch Internet. Handyempfang habe ich zu Hause sowieso fast nie. Meine Nachbarn liehen mir also ihr Telefon, damit ich die Servicenummer anrufen konnte. Ich war dann in den folgenden Tagen mit irgendwelchen Callcenter-Mitarbeitern im Gespräch, wartete vergeblich auf versprochene Rückrufe und fluchte auf meinen Provider. Am Freitag kam dann der Techniker und hatte den Fehler innerhalb einer Minute gefunden.
Es war mein Fehler: ich hätte laut Anleitung den Telefonstecker in die unterste Dose stecken müssen. Ich nahm aber die damit verbundene zweite Dose, da sie die größte Ähnlichkeit mit der in der Bedienungsanleitung hatte. Tatsächlich waren mir hier Zweifel gekommen, auf die ich jedoch nicht gehört habe.
Das Spannende an der ganzen Geschichte: sie hat mir mal wieder gezeigt, wie reflexartig ich einen Schuldigen suche. Und wie sehr ich mir damit für einige Tage meine Stimmung versaut habe. Meine ohnehin schlechte Meinung über Telekomunternehmen schien sich sich mal wieder zu bestätigen und wurde noch gefüttert durch die schlechten Erfahrungen derer, denen ich von meinem Ärger erzählte: Nachbarn, Kollegen, meine Kinder. So habe ich vier Tage mit viel Wut und Beunruhigung verbracht und mich selbst dabei ertappt, wie ich mir schon gar nicht mehr vorstellen konnte, daß sich das Problem gut lösen ließe. Im Kopf entwarf ich Szenarien, in denen ich mit einem wochenlangen Ausfall von Internet und Telefon umging. Eine große Welle - für nichts!

Im Nachhinein habe ich mich gefragt: wofür die ganze Aufregung? Ein paar Tage ohne Anschluss ist doch keine große Sache. Ich checke manchmal für ein bis zwei Tage meine Mails nicht, weil ich keine Lust dazu habe. Ich finde es gut, daß ich kein Smartphone habe, nicht bei Facebook bin, weder über WhatsApp noch über Twitter kommuniziere und in einem richtigen Funkloch lebe. Ich telefoniere an manchen Tagen überhaupt nicht ohne daß mir etwas fehlt. Meine Aufregung war allein dem Umstand geschuldet, daß etwas nicht funktionierte, wie es sollte und ich die Schuld bei etwas außerhalb meiner selbst sah.
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Pasta mit Schwarzkohl und gerösteten Pinienkernen - mmmh!

Dienstag, 28. November 2017

Ich weiß es nicht

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Meine Tochter findet meine letzten Posts unerträglich. Das verstehe ich. Aber es laufen so viele Sachen, die ich unerträglich finde.
Wie jetzt die Weiterzulassung von Glyphosat: als ich das heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Radio hörte, wallte es zornig in mir auf. Bitter, was diese Idioten machen, die uns regieren. Mittlerweile finde ich es zwar immer noch bitter, aber wir haben es doch selbst in der Hand. Wenn es stimmt, daß die meisten Bürger*innen gegen Glyphosat sind, dann wäre es doch konsequent, keine Erzeugnisse mehr aus der sogenannten konventionellen Landwirtschaft zu kaufen. Dann wäre Glyphosat sehr schnell weg vom Acker, ganz ohne EU-Entscheidung.
Und zu meinem unangenehmen Traum: ich weiß nicht, was kommt. Ich halte alles für möglich, auch ein Wunder. Also kann ich mich doch dem Nicht-Wissen hingeben und es mir selbst und meiner Mitwelt gut und angenehm machen.
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Bei alledem geht es mir sehr gut. Ich bin vor einer guten Woche wieder ein Jahr älter geworden. Die 64 fühlt sich ganz unspektakulär an. Aber sehr oft gibt es diese Momente, wo ich die Schönheit um mich herum wahrnehme und bewundere, wo ich mich mit mir selbst im Reinen fühle, wo ich mich ganz einfach des Lebens freue. Das ist schon ziemlich großartig. Also: ich empfehle die 64!
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Außer meinem Geburtstag habe ich noch etwas Schönes erlebt: ich hatte eine Woche Bildungsurlaub, in der ich im Institut francais in Kiel einen Französisch-Intensivkurs gemacht habe. Das war richtig toll! Am dritten Tag merkte ich, wieviele Worte aus meiner Schulzeit und den vielen Urlauben in Frankreich noch in mir sind. Ich konnte unsere drei französischen Lehrerinnen ohne Probleme verstehen. Wir haben fast nur Französisch gesprochen und dabei über aktuelle Themen geredet. Und der Unterrichtsstil hat mir extrem gefallen: ich war wirklich die täglichen sechs Stunden mit ziemlichem Interesse dabei.

Sonntag, 12. November 2017

Auslaufmodell

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Kompost - mein Beitrag gegen den Humusschwund

Heute Morgen nach dem Nachtdienst hörte ich im Radio ein interessantes Interview mit dem Schriftsteller Ralf Bönt zum Thema #me too. Er outete sich als Fan des Feminismus und sagte sinngemäß, daß diese übergriffigen und "supermännlichen" Typen (er nannte sie "Übermänner") Auslaufmodelle sind. Die Polanskis, Strauss-Kahns, Weinsteins und Trumps scheinen die letzten ihrer Art zu sein - kein Verlust für die Menschheit. Es liegt natürlich auch an uns Frauen, ob wir uns in einer Opferrolle einrichten oder klare rote Linien ziehen, wenn Männer unsere Grenzen überschreiten.
Was ist ein sexueller Übergriff? Das kommt doch sehr auf den Mann, auf die Art der Handlung, auf die persönliche Tagesform an, finde ich.
Der Steuerberater, der mir vor den Augen meiner kleinen Tochter auf den Hintern haute und einen meiner Freunde (durch dessen Vermittlung ich zu ihm gekommen war) fragte, wie ich denn so im Bett sei, hat einen klaren Übergriff begangen. Den Freund meiner damaligen Freundin K., der mich unserer Stammkneipe höflich fragte, ob er mir mal an den Hintern fassen dürfe, da er ihn so schön fände, fand ich nicht übergriffig. Er durfte und seine Freundin fand das auch völlig in Ordnung. Wo ich gerade bei Hintern bin: auch ich habe mal einen Mann an seinen gefasst, nachdem ich ihn um Erlaubnis gebeten habe. Er gefiel mir einfach und ich war in ausgelassener Stimmung.
Vor vielen Jahren, als ich mit einem wohligen Körpergefühl und gut gelaunt durch die sommerliche Stadt ging, pfiffen Arbeiter aus einem Loch in der Straße hinter mir her. Das hat mir in der Situation gefallen und ich bin danach noch beschwingter und fröhlicher gegangen. Wenn ich einen schlechten Tag gehabt hätte, hätte sich der Pfiff möglicherweise als Belästigung angefühlt.
Ich wünsche mir im Umgang mit Männern mehr Leichtigkeit, mehr Spiel. Daß das möglich sein kann, habe ich immer wieder mal erlebt und erlebe es auch heute noch.
Neulich wurde ein Yogalehrer zitiert, der die bauchfreie Mode junger Frauen kritisierte, da sie sexuelle Gedanken/Gefühle in Männern auslöste. Er meinte, die Frauen sollten sich gut überlegen, was sie bewirken wollten. Da musste ich an die 70er Jahre und die Zeit davor denken, wo Richter in Vergewaltigungsprozessen oft der Frau den Schwarzen Peter zuschoben: "Sie waren ja auch so freizügig gekleidet".
Der Leiter einer Selbsterfahrungsgruppe konfrontierte mich mal sehr streng mit meinem angeblich zu großen Dekolleté. Ich wollte ihn definitiv nicht verführen und trug meine normale Kleidung. Er projizierte einfach seine eigenen Empfindungen auf mich.
Ich bin nicht verantwortlich für die sexuellen Empfindungen von Männern, auch wenn mein Aussehen sie möglicherweise triggert. Was sie mit dem machen, was sich in ihnen abspielt, liegt ganz und gar in ihrer Verantwortung. Und im Zweifel kann Mann fragen, ob eine Frau eine Annäherung wünscht und dann ihre Antwort respektieren.
Unsere Kultur hat eine sehr zwiespältige Haltung gegenüber Nackheit: einerseits springen uns von jedem Kiosk die Bilder von Nackten oder leicht bekleideten Frauen an, andererseits gilt eine leicht bekleidete Frau in der Öffentlichkeit immer noch häufig als eine, die vernascht werden möchte. Da sollte eine selbstbewusst genug sein ganz klar zu sagen: "Alter, nimm die Flossen weg, du bist nicht gemeint!"
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Samstag, 11. November 2017

Teil des Ganzen

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Am Morgen sah ich am Himmel große Vögel in ordentlicher Formation hintereinander fliegen. Etwas war ungewöhnlich an diesem Anblick. Bei genauen Hinsehen erkannte ich an der Spitze drei Kraniche, deutlich erkennbar an ihren langgestreckten Beinen, gefolgt von fünf Graugänsen.
Das Zusammenfliegen verschiedener Arten kenne ich von den großen Krähen- und Dohlenschwärmen in Münster und Kiel, wenn sie im Herbst und Winter auf ihre Schlafbäume ziehen.
Diese Vögel kriegen etwas hin, womit wir Menschen uns eher schwer tun: artübergreifend zu kooperieren.
Nicht nur die monotheististischen Religionen der Juden, Christen und Moslems, sondern auch einige spirituelle Lehrer*innen, mit deren Texten ich mich befasst habe, sehen den Menschen als etwas Besonderes. Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, uns als den Tieren überlegen anzusehen. Wir schreiben uns Intelligenz, Selbstbewusstsein, Reflektionsvermögen und was sonst noch alles zu - und den Tieren dementsprechend ab. Diese Haltung hat konsequenterweise zu Massentierhaltung und Tierversuchen geführt. Daß das schlimm ist, weiß ich schon lange. Aber erst seit ich die entsprechenden Kapitel im bereits erwähnten Buch Tiere denken von Richard David Precht gelesen habe, weiß ich, daß es noch viel schlimmer ist. Jeder Mensch, der Medikamente nimmt oder operiert wird, sollte wissen, daß all das vorher an Millionen von Versuchstieren, teilweise bei vollem Bewusstsein, getestet wurde. Es ist in der Forschung vorgeschrieben, auch für das hundertste Medikament der gleichen Art erneut Tierversuche zu machen.
Ich glaube, wir sind nur in einer Hinsicht etwas Besonderes: wir sind die Meister*innen der Vernichtung.
Wenn ich in der neuen Brennstoff lese, daß die bereits stattfindende Erderwärmung bereits zum irreversiblen Abschmelzen des westantarktischen Eisschild geführt hat und in der Folge die Fidschi-Inseln und auch Städte wie z. b. Shanghai und Hamburg absaufen werden, wenn ich dann erfahre, daß das drohende Auftauen der Permafrostböden dazu führt, daß soviele Treibhausgase freigesetzt werden, daß die Planetin unbewohnbar werden könnte, dann packt mich der kalte Zorn über die Grünen, die bei den Koalitionsgesprächen mit CDU und FDP einen Rückzieher bei ihren Klimazielen gemacht haben. Na klar, sie wollen unbedingt ihre Ministerposten haben und beim Regieren mitspielen. Wundern tut mich das nicht: haben sie doch in der Schröder-Fischer-Regierung bereits ihre pazifistischen Prinzipien geopfert, als sie der Bombardierung Jugoslawiens zugestimmt haben.
Es gibt einen kleinen Trost: Menschen waren nicht immer so. Die Höhlenbilder der Altsteinzeit-Jäger*innen und -sammler*innen und was wir über die australischen Aborigines sowie die noch auf Steinzeitniveau lebenden Völker Amazoniens wissen, zeigen, daß es Zeiten gab, als Menschen sich als Teil des großen Ganzen und Tiere, Pflanzen, Minerale, Wasser, Wind und Erde als Verwandte gesehen haben.
Wie konnte es dazu kommen, daß wir uns jetzt auf diesem Höllentrip befinden?
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Mittwoch, 1. November 2017

Rituale

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Der Post vom 31.10. in Luisa Francias Tagebuch zum Thema Rituale gefällt mir gut:
http://www.salamandra.de/tagebuch/start.php. In den 80er Jahren habe ich mit Freundinnen wilde und fantasievolle Rituale gefeiert. Wir haben damals viel ausprobiert und neue Erfahrungen gemacht. In den 90er Jahren habe ich mit meinem damaligen Mann einige Rituale gemacht, nicht nur zum Jahreskreis sondern auch Wunschrituale. Das schönste fand auf einem Berg in Finnland statt. Wir machten ein kleines Feuer und alles Weitere ergab sich spontan. Die Wünsche, die wir damals in die Welt gegeben haben, sind übrigens alle in Erfüllung gegangen. Auch bei Alma mater habe ich einige sehr schöne und tiefwirkende Rituale erlebt: geblieben ist seitdem mein Faible für die Lichtmesszeit.
Im Laufe der letzten zehn Jahre hat es sich allmählich ergeben, daß mir etwas an der Art die Jahreskreisfeste zu feiern, nicht mehr gefiel. Ich konnte das lange nicht richtig fassen und daher auch nicht verändern. Als sich Anfang des Jahres unsere Ritualgruppe auflöste, war ich nicht zufrieden mit der Art, wie das geschah. Die Rituale selber vermisse ich allerdings überhaupt nicht mehr. Ich habe in diesem Jahr auf ganz unterschiedliche Weise die sich verändernden Energien im Jahreskreis wahrgenommen und gewürdigt. Für mich wird immer wichtiger, einfach nur Zeit zu haben, um wahrzunehmen, was gerade da ist, was sich zeigen möchte. Dasein und mich als Teil des Großen Ganzen fühlen, immer weiter, immer offener zu werden. So kann nach meiner Erfahrung ein heiliger Raum entstehen. Rituale mit festen Abläufen, festen Zuordnungen machen hingegen den Raum oft sehr eng und werden schnell langweilig.
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Ich habe gerade das Kapitel über die Jagd in Richard David Prechts Buch Tiere denken gelesen und finde es ziemlich gut. Mit Logik und Leidenschaft nimmt er das ganze Gerede vom Jäger als Heger auseinander und stellt sie als das hin, was sie sind: Menschen, die Spaß am Töten haben. Das gern immer wieder vorgebrachte Argument, die Jagd diene dazu, Wildbestände zu regulieren und habe daher eine ökologische Funktion, ist Bullshit. Denn Jäger sind diejenigen, die systematisch für Ungleichgewicht in der Ökologie des Waldes sorgen: indem sie Wildbestände im Winter durchfüttern und dadurch verhindern, daß eine natürliche Auslese stattfinden kann.
Die Briten sind in dieser Hinsicht zwar nicht besser aber in ihrer Sprache ehrlicher: bloodsport ist die Bezeichnung für Hetz- und Treibjagden.
Der Förster Peter Wohlleben tritt übrigens für eine komplette Entwaffnung der Jäger in Deutschland ein und hat sich damit den Zorn der Jägerschaft eingehandelt.

Sonntag, 29. Oktober 2017

Sturmgeister

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Letzte Nacht dauert mein Dienst wegen der Zeitumstellung eine Stunde länger, also 10,5 Stunden. Die ganze Nacht tobte der Sturm um die Klinik. Morgens auf dem Weg zum Auto stieg ich über abgebrochene Äste und watete in Laub. Auf der Straße an der Hörn lag ein Bauzaun. Kurz vor Zuhause lag ein Baum auf der Straße. Ich wendete und versuchte, über die wegen Straßenarbeiten seit zwei Wochen gesperrte Straße durch Selent nach Hause zu kommen. Als ich die erste Absperrung passiert hatte, stand ein Feuerwehrauto mit blinkendem Blaulicht mitten auf der Straße, dahinter waren Feuerwehrleute mit einem weiteren liegenden Baum beschäftigt.
Also erneut wenden und auf eine kleine Straße Richtung Martensrade fahren. Nach kurzer Zeit verriegelte auch hier ein liegender Baum den Weg. Wieder zurück auf die Bundesstraße Richtung Kiel, um im großen Bogen nach Hause zu fahren. Ich kam ziemlich weit, aber kurz hinter Stellböken kam mir ein Auto im Rückwärtsgang entgegen. Ich ahnte warum, stieg aber trotzdem aus. Der Fahrer des Wagens kam mir entgegen und brüllte durch das Tosen des Sturms, daß ein Baum auf der Straße läge. Allmählich spürte ich wachsende Verzweiflung: ich musste dringend aufs Klo und hatte große Sehnsucht nach meinem Bett. Rückwärtsgang und neuer Versuch über Marienhorst. Das ist eher ein Feldweg und ich mutete meinem kleinen Auto einiges zu, während ich über zertrümmerte Äste und durch wassergefüllte Schlaglöcher fuhr. Ich schaffte es bis auf die Landstraße. Da kam mir das Auto eines Mannes aus meinem Dorf entgegen. Große Erleichterung: wenn er rausgekommen war, würde ich reinkommen.
Zuhause war alles in Ordnung: die Bienen standen noch auf ihrem Platz, die Bäume sahen ziemlich entlaubt aus und Laub muss ich jetzt auch nicht mehr harken, weil der kosmische Laubbläser das schon erledigt hat. Durch das Brausen des Windes hörte ich die Sirenen heulen. Ich war in diesem Moment sehr dankbar für die freiwillige Feuerwehr. Überhaupt glaube ich, wenn es nicht soviele Menschen gäbe, die freiwillig und unentgeltlich arbeiten, würde alles zerbröseln.
Ich legte mich ins Bett und schlief, die Katze an meinen Bauch geschmiegt, tief und fest bis 14:00.
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Nachmittag - die Ruhe nach dem Sturm

Am Beispiel der Sommerzeit fällt mir etwas auf: sie wurde ja eingerichtet, weil man sich Einsparung von Energie davon versprach. Das hat sich nachweislich nicht erfüllt. Seitdem äußern sich jedes Jahr pünktlich im März und im Oktober irgendwelche Experten über den Unsinn der Zeitumstellung, den Schaden, den sie unserem Biorhythmus zufügt, den Stress, den die Bauern mit ihren Kühen und den veränderten Melkzeiten und Eltern mit kleinen Kindern haben. Letzteres kann ich bestätigen, und auch ich brauche im März immer eine ganze Zeit mich umzugewöhnen.
Jetzt könnte man ja meinen: wenn die Zeitumstellung nichts bringt und sogar schadet, kann man damit ja aufhören. Tut man aber nicht, warum auch immer. Man fährt fort mit dem schädlichen Verhalten. Das scheint in unserem Land (und sicher auch in anderen Ländern) ganz typisch zu sein. Es gibt soviel, was sich als schädlich herausgestellt hat, aber es wird einfach weiter gemacht. Ob das nun Glyphosat ist oder Massentierhaltung, der Bau von dicken SUVs mit enormem Spritverbrauch, die Anwendung von Antibiotika bei jedem harmlosen Infekt usw.
Und zu den Sturmgeistern, die immer häufiger wüten und toben, fällt mir der Song Angry Planet von New Model Army ein: https://www.youtube.com/watch?v=4IDH1MhktKQ
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Mittwoch, 25. Oktober 2017

In der Stadt

Ich habe leider erst kürzlich erfahren, daß mein Povider es sehr erschwert hat, Kommentare zu hinterlassen. Ich glaube, er hat gute Gründe dafür, aber natürlich finde ich es auch blöd. Ihr könnt mir natürlich Mails schreiben über die Adresse meiner Homepage www.hollesgarten.de.
Aber denkt an den Betreff, sonst landet alles im Spam-Ordner.
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Eine Woche Urlaub, der mit Besuchen ausgefüllt war: K. besuchte mich und machte sich dankenswerterweise im Garten nützlich. Dann fuhr ich für zwei Tage nach Bonn und schließlich nach Münster.
In Bonn fielen meine täglichen Routinen und meine gewohntes Tätigsein von mir ab und ich fand mich plötzlich mit unendlich viel Zeit zum auf der Terasse sitzen, mich über den kleinen Garten hinter dem großen alten Haus freuen, die Sonne auf dem Gesicht zu spüren, den lauten Spielen der leuchtendgrünen Halsbandsittiche zuzuschauen, die in den Städten am Rhein wild und frei leben.
Nichts-Tun, welch ein Luxus!
Abends gingen mein Sohn und ich ins Kino: die neue Verfilmung von Stephen Kings Es. Nicht schlecht und auf jeden Fall superspannend.
Nachts hatte ich ein sehr langes Gespräch mit S. Mitbewohner. Das gefiel mir gut, auch weil es schon lange nicht mehr vorgekommen ist, daß ich Nächte mit Genuss verquatscht habe.
In Bonn fand ich es übrigens auffallend laut: ständig hörte ich Martinshörner, das stetige Rauschen des Verkehrs und das Hämmer, Rasseln, Scheppern, Stampfen von den diversen Baustellen.
In Münster ging ich mit meiner Mutter zum Markt auf dem Domplatz. Leider vergaß ich völlig, der heiligen Barbara wie immer eine Kerze anzuzünden. Dafür kaufte ich bei Voilà Alpakawolle. Sie ist wirklich die beste und ich verstricke sie seit Jahrzehnten. Der Laden lohnt sich auch sonst für alle, die gern handarbeiten.
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Vorletzte Nacht hatte ich einen apokalyptischen Traum:
ich sah zusammen mit anderen Menschen vom Schuppen in meinem Garten aus einen riesigen Insektenschwarm heranziehen. Als sie ganz nah waren, erinnerten sie mich eher an Wespen oder Hornissen. Sie zogen endlos vor unseren Augen entlang. Ich hörte eine Stimme: "Es wird ungeheure Wassermassen geben." Und plötzlich wusste ich in diesem Traum, daß die menschliche Gattung untergehen wird.
Tagsüber drückte mir der Traum eine Weile auf die Stimmung. Er hatte sich so real angefühlt.
Nüchtern betrachtet kann eine auch sagen: nachdem wir so viele Gattungen ausgerottet haben und sogar die Insekten mittlerweile verschwinden, sind wir jetzt vielleicht mal an der Reihe.
Ich weiß nicht, was passiert und glaube auch nicht an ein festgelegtes Schicksal. Und es gibt so oft völlig unerwartete Wendungen.
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