Freitag, 15. Dezember 2017

Abschiebungen

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Die Sonne geht im Südosten auf

In einer der letzten Nächte hatte ich einen realistischen Traum: Ich arbeitete aushilfsweise auf einer anderen Station. Die Kollegin, die mich kurz eingearbeitet hatte, wollte Feierabend machen. Schon an der Tür sagte sie: "Frau X. muss noch gewaschen werden und Frühstück bekommen." Ich war allein mit einer Schülerin. "Wie soll ich das schaffen?" fragte ich. Die Kollegin sah mich nur an und zog die Tür hinter sich zu.
Glücklicherweise wachte ich in dem Moment auf und war erleichtert, daß es nur ein Traum ist. Leider sind solche Situationen aber die Realität, die sich immer häufiger ereignet. Und in der Psychiatrie sind wir im Vergleich noch wesentlich besser dran als z. B. in der Chirurgie oder auf der Intensivstation.
Das alles ist die Folge, wenn aus Krankenhäusern Wirtschaftsunternehmen gemacht werden, die Rendite abwerfen sollen.
Schön satirisch beschrieben auch hier:
https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-5-dezember-2017-100.html

Zwei der Familien, die ich als Sprachpatin seit zwei Jahren betreue, sollen nach Afghanistan abgeschoben werden. Die alte abgewählte Landesregierung von Schleswig-Holstein hatte sämtliche Abschiebungen von afghanischen Menschen wegen der explosiven Lage in ihrem Heimatland ausgesetzt. Aber die neue Landesregierung fügt sich den Anweisungen von Herrn Maizière. Gestern hatten wir Sprachpat*innen ein Treffen und beratschlagten, was wir tun können, um diese Abschiebungen zu verhindern. Die zuständigen Stellen argumentieren mit den Gesetzen, denen sie folgen müssen. Ja, mit den Gesetzen ist das so eine Sache: auf die hat sich ja bereits der Nazi Eichmann berufen. Die Philosophin Hannah Arendt hatte den Prozess gegen ihn in Israel verfolgt und daraufhin den Begriff von der "Banalität des Bösen" geprägt.
Mir ist Nationalstolz, wie ich ihn bei den Franzosen mitbekommen habe, völlig fremd. Ich war nie stolz auf meine deutsche Herkunft. Warum auch? Auf die Geschichte Deutschlands kann eine nicht stolz sein. Überhaupt: Deutschland gibt es doch noch gar nicht lange in der heutigen Form, seine Grenzen waren immer veränderlich wie das mit Grenzen nun mal so ist. Mir gefällt meine Muttersprache, weil ich sie präzise und differenziert finde. Aber ich mag auch Englisch sehr gern, ich liebe den Klang der italienischen Sprache und auch Französisch und Spanisch gefallen mir gut. Es gab Menschen deutscher Herkunft, die wichtig für mein Leben waren: Albrecht Dürer, Hildegard von Bingen, Friedrich Engels, um ein paar wenige zu nennen. Mir gefällt die Vielfalt der Landschaft in Deutschland, wobei es für meinen Geschmack zuviele Menschen und zu wenig Wildnis gibt. Und ich genieße es, im Norden zwischen zwei Meeren zu leben, wo es einfach nur schön ist. Aber Stolz? Nee!
Als im Sommer vor zwei Jahren der große Strom von Geflüchteten bei uns ankam, hat mich die große Welle der Hilfsbereitschaft meiner Landsleute sehr berührt und ich hatte vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben ein positives Gefühl zu Deutschland.
Und als ich dann eine Möglichkeit fand als Sprachpatin den Neuankömmlingen zu helfen, hier gut anzukommen und sich willkommen zu fühlen, hat mich das sehr froh gemacht.
Wir haben dieses Jahr als Ehrenamtliche alle eine Ehrennadel des Landes mit einem Dank vom damaligen Ministerpräsidenten Thorsten Albig bekommen. Ich hätte darauf gut verzichten können. Wenn es eine angemessene Anerkennung unserer Leistung gibt, dann ist es die Bereitschaft, die von uns betreuten Geflüchteten als gleichrangige Mitbürger*innen zu behandeln statt sie zynischerweise wieder in ein Land zurückzuschicken, in dem Krieg und Terror herrschen. Keine der Personen, die Deutschland verlassen sollen, ist straffällig geworden. Stattdessen gehören sie zum Dorf und sprechen mittlerweile passables bis sehr gutes Deutsch. Und ironischerweise sind sie immer noch voll des Lobes über Angela Merkel. Warum eigentlich? Sie hat zwar mal gesagt, daß wir es schaffen mit den Geflüchteten, aber was sagt sie jetzt zu den Abschiebungen? Nichts!
Ich kann mal wieder gar nicht soviel fressen wie ich kotzen möchte.
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