Samstag, 10. März 2018

Ich ziehe um

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Freitag, 9. März 2018

Immer die gleiche Geschichte

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Vorletztes Wochenende war ich mit I. in Flensburg. M. erzählte mir, wie gern er wieder mal so viel Schnee hätte wie in meinem zweiten Winter in Lammershagen, als er mir einen Tunnel im Garten baute, damit ich nicht immer beim Holzholen bis zu den Knien im Schnee versinke. Wenige Tage später wurde sein Wunsch erfüllt: Flensburg versank im Schnee. Meine Tochter rief mich ganz vergnügt an, weil sie zwei Tage vom Dienst befreit war. Es ging einfach gar nichts mehr in der Stadt.
Die Fotos, die sie mir schickte, zeigen das:
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Dagegen war es hier und in Kiel zwar sehr, sehr kalt, aber es gab nicht viel Schnee:
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In solchen Extremsituationen, wenn die Alltagsmaschinerie außer Kraft gesetzt wird, erwacht etwas sehr Schönes in vielen Menschen. Das habe ich einige Male erlebt. Da packen alle mit an, um ein Auto aus dem Schnee zu bewegen. Man lächelt sich an, wenn man auf dem freigeschaufelten Pfad aneinander vorbeigeht. Irgendwie scheint ein sehr altes menschliches Bedürfnis erfüllt zu werden: nach Abenteuer, nach gegenseitiger Hilfe, nach Einfachheit vielleicht. In mir wallt jedenfalls immer eine große wilde Freude auf, wenn die Natur zeigt, daß sie mächtiger ist als alle menschlichen Ordnungsbestrebungen.

Weil ich im August mit I. nach Lappland fahren will, lese ich gerade ein Buch, das ich mir schon 1994 gekauft habe, nachdem J. und ich im finnischen Lappland waren: Erzählung vom Leben der Lappen von Johan Turi. Der Autor ist selbst Same und schreibt über das Leben seines Volkes im 19. Jahrhundert.
Es ist immer wieder dieselbe Geschichte: Ein Volk lebt mehr oder minder nomadisch im Einklang mit der Natur. Dann kommen Einwanderer, die Land für sich beanspruchen (im Fall der Samen waren das z. B. die Norweger) und die angestammte Ethnie vertreiben und ihr das Leben schwer bis unmöglich machen. Sie wurden in die Berge gedrängt, wo es für sie und die für sie lebenswichtigen Rentiere kaum Weidegründe gab, ihre Kinder wurden ihnen weggenommen und zwangsbeschult usw.
So und ähnlich haben es die First Nations in den Amerikas erlebt, die Aborigines in Australien, so ist es vor langer Zeit im heutigen Europa geschehen, als die germanischen und keltischen Stämme aus der asiatischen Steppe kamen und die Urbevölkerung bekriegten, ausraubten und verjagten. Die alten Sagen erzählen noch davon, z. B. Heide Göttner-Abendroths Frau Holle - Das Feenvolk der Dolomiten.
Wie kann ich da als Abkömmling der "Herrenrasse" stolz auf meine Nationalität oder Rasse sein? War ich nie und werde ich auch nie sein. Und ich habe sowieso null Verständnis für jegliche Form von Nationalstolz.

Gestern las ich in der Süddeutschen Zeitung eine langen Artikel über das Massaker von My Lai im Jahr 1968. My Lai ist ein Dorf in Vietnam, in dem amerikanische Soldaten innerhalb weniger Stunden 500 Menschen abschlachteten, Frauen, Kinder und alte Leute. Einfach so. Die amerikanische Armee versuchte das zunächst zu vertuschen, irgendwie kam es dann doch an die Öffentlichkeit.
In dem Artikel kommen ein amerikanischer Soldat, der an dem Massaker beteiligt war, und ein Vietnamese, der als Elfjähriger als Einziger die explodierende Granate überlebte, die seine Mutter und seine Geschwister tötete, zu Worte. Der Soldat sagte: Na ja, wir hatten den Befehl, alle zu töten.
Diesen Spruch habe ich als junges Mädchen so oft gehört: Wir sind ja nur Befehlen gefolgt.
1968 war ich vierzehn und es war das Jahr meiner Politisierung: nicht daß ich den Überblick über das Weltgeschehen hatte, aber ich spürte sehr deutlich, daß etwas ganz und gar nicht stimmte. Es kotzte mich einfach ganz fürchterlich an, wenn ich Erwachsene nach der Nazizeit befragte und immer wieder hörte: wir konnten nichts machen, wir sind ja nur Befehlen gefolgt. Ich habe damals nie gehört, daß es der größte Schwachsinn aller Zeiten ist, irgendwelchen Befehlen anderer Leute zu folgen. Wozu haben wir denn unser großes Gehirn, auf das manche Menschen sich so viel einbilden, weil es sie von Tieren abhebt. Ich habe übrigens noch nie gehört, daß Tiere irgendwelchen Befehlen folgen. Es sei denn, sie sind unfreie, von Menschen dressierte Kreaturen.
Ich glaube, das Gehirn wird gnadenlos überschätzt. Mir scheint das Herz wichtiger zu sein, wenn es um Entscheidungen geht.

Dienstag, 20. Februar 2018

Kummer

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Meine liebe kleine Skadi ist tot. Sie ist nur drei Jahre und sieben Monate alt geworden.
Es fing am vorletzten Dienstag mit einem klagenden Laut an, den ich noch nie von ihr gehört hatte. Ich konnte aber nicht erkennen, was sie hatte. Sie verließ abends mit mir zusammen das Haus. Als ich morgens vom Nachtdienst kam, begrüßte sie mich nicht wie sonst vorm Haus oder im Flur, sie war auch offensichtlich die ganze Nacht nicht da gewesen. Da bekam ich Angst. Vor einem Jahr ist der Kater einer Nachbarin an Rattengift gestorben. Leider hält sich bis jetzt der Verdacht, daß eine Person aus dem Dorf ihre Hände im Spiel hatte.
Auch mittags war Skadi nicht da. Nachmittags ging ich auf die Suche und fand sie bei M. im Schuppen. Seltsamerweise hatte sie auf den Boden gepinkelt, obwohl sie den Schuppen hätte verlassen können. Sie begrüßte mich, wollte aber nicht mitkommen und wirkte irgendwie verstört. Ich ließ sie in Ruhe, darauf vertrauend, daß der Hunger sie nach Hause treiben würde. Aber sie kam auch in der nächsten Nacht nicht zurück. Am frühen Morgen ging ich mit der Futterdose rüber und fand sie im Carport von M. Dort hatte sie bei eisiger Kälte wohl die ganze Nacht ausgeharrt. Sie fraß gierig aus meiner Hand und folgte mir bzw. der Futterdose nach Hause. Sie wirkte noch verwirrt, kam immer wieder zu mir und sagte mit ihrer leisen Stimme "Mi". Irgendwann fiel mir auf, daß ihr große Mengen Speichel vom Mäulchen tropfte und sie etwas benommen aussah. Als ich nachmittags aus Kiel zurückkam, hatte sie einen epileptischen Krampfanfall: dabei zuckte ihr Schnäuzchen, die Zähne klickten, ihr Hals war überstreckt, die Pupillen riesengroß und starr und wieder tropfte Speichel. Danach benahm sie sich jedoch normal, zeigte auch Interesse an ihrer Umgebung und fraß mit gutem Appetit. Ich machte mir Sorgen.
Nachts muss sie einige dieser Anfälle gehabt haben: ich fand am Morgen die Speichelspuren auf dem Teppich und meine Bettdecke hatte einen feuchten Urinfleck. Ich war so ratlos. Ich hatte schon das Internet durchgeforscht, was mir nicht wirklich weiterhalf. Also saß ich, Skadi auf meinem Schoß, und bat meine Helferwesen um Hilfe für Skadi und mich. Nach einem weiteren Anfall, der den ganzen Körper erfasste und sie verwirrt in einer Urinlache zurückließ, rief ich die Tierärztin an und fuhr dann mit Skadi zu ihr.
Die Ärztin untersuchte die Kleine von Kopf bis Fuß: Pupillenreflexe, abhören, Bauch abtasten, Fiebermessen, Zähne und Rachen ansehen. Skadi ließ alles überraschend gut mit sich machen. Zum Schluss sagte die Ärztin: "So ein gesundes Tier!" Kein Anzeichen für eine Vergiftung oder Verletzung. Ja, aber die Anfälle!
Ich fuhr wieder nach Hause. Abends rief die Ärztin an und äußerte die Vermutung, daß Skadi einen Vitamin B1-Mangel habe. Das glaubte ich nun nicht: eine Katze, die reichlich Mäuse fängt und futtert und zusätzlich mit frischem Rinderherz und gelegentlich Trockenfutter gefüttert wird, hat bestimmt keinen Vitamin B1-Mangel. Aber ich war damit einverstanden, Vitamin B1 versuchsweise spritzen zu lassen. Die Tierärztin kam am nächsten Tag vorbei, gab ihr eine Injektion und äußerte die Hoffnung, daß die Anfälle ganz schnell abklingen würden. Taten sie aber nicht. Allmählich dämmerte mir, daß es nicht nach meinen Wünschen gehen würde, sondern daß die Entscheidung über Heilung oder Nicht-Heilung an anderer Stelle getroffen würde.
Nachts wurde ich wach von Skadis kläglichem Maunzen und Zähneklicken. Mittlerweile hatte sie auch tonisch-klonische Anfälle, bei denen sie mit den Vorderläufen auf den Boden trommelte. Ich schlief kaum und fühlte mich sehr schlecht und hilflos. Am Sonntagmorgen verkroch Skadi sich unter mein Bett. Sie wirkte jetzt auch nicht mehr gesund. Sie hatte zwischen den Anfällen offensichtlich keine Energie ihr Fell zu putzen, was man ihr ansah. Als sie schließlich einen etwa drei Minuten langen Anfall hatte, bei dem sie auf die Seite fiel, rief ich die Tierärztin an. Die sagte, es gäbe jetzt entweder die Möglichkeit, Skadi alle zwölf Stunden Luminal zu geben, allerdings ohne Garantie auf Erfolg. Oder sie einzuschläfern.
Meine Entscheidung war sofort klar: ich wollte Erlösung für das arme Wesen - ja, und auch für mich.
Die Tierärztin kam nachmittags vorbei und wir gaben Skadi gemeinsam den Tod. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich war erst mal erleichtert, daß das Leiden ein Ende hat. Dann kam der Schmerz über den Verlust dieses schönen und freien Tieres. Es war so schön mit ihr zusammen zu leben, ihre feine Stimme zu hören, ihre raue Zunge auf meinen Händen, ihren warmen Körper nachts an meinen Beinen zu spüren. Sie hat mir soviel Freude gebracht, war ein so freundliches Wesen und wenn sie mich ansah, hatte ich oft das Gefühl, sie sieht mir direkt ins Herz.
Seit sie weg ist, denke ich, daß wir eine ideale Beziehung hatten: ohne Bedingungen, in völliger Freiheit. Auch wenn sie bei mir wohnte, ist sie doch immer ein wildes Tier geblieben.
Ach, sie fehlt mir so sehr!
Ich habe mir tatsächlich drei Trauertage genommen und mich dafür bei der Arbeit krank gemeldet.
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Ich möchte auch sagen, daß ich in meinem Schmerz ganz viel Trost bekommen habe: Freundin L. hat mich telefonisch und per SMS unterstützt. Meine Kinder haben mich getröstet. Nachbarin M. kam mit einer weißen Rose, die jetzt an Skadis verwaistem Fensterplatz steht. Auch die Tierärztin war toll: sie hat mir sogar nach der Einschläferungsaktion angeboten mir noch ein wenig Gesellschaft zu leisten und sagte zum Abschied, ich sei sehr tapfer gewesen.
Mein Nachbar T., selber großer Katzenliebhaber, sagte mir, Skadi wäre mir im Himmel dankbar für meine Entscheidung, ihr Leiden nicht mit Tabletten zu verlängern.
In den Tagen danach hat mich auch Charles Eisenstein mit seinem Buch Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich getröstet.
Danke an euch alle!
Es ist seltsam: seit 2012 sind soviele Menschen aus meinem persönlichen Feld gestorben - mein Vater, Ute, Norbert, Jans - aber bei keinem habe ich solch einen großen Schmerz empfunden wie bei Skadi.
Danke, du kleines Wesen, daß du bei mir warst und mir soviel Freude und Liebe gebracht hast!
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Die Ursache für die Krampfanfälle wissen wir nicht. Vielleicht ein Tumor oder eine Nekrose im Gehirn. Letztendlich ist es egal.

Dienstag, 6. Februar 2018

Fluss

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Ich hatte mir den Sonntag frei getauscht, um zum De Immen-Treffen nach Lübeck zu fahren, aber morgens war ich wenig motiviert. Es hatte geschneit, es sah schmuddelig aus, ich wollte gern ausschlafen. Tat ich dann glücklicherweise nicht.
Es war wieder ein so schönes Treffen mit wundersamen Begegnungen, neuen Impulsen, viel Nahrung für Herz und Seele und das vielfältige Buffet für den Leib. Es findet sich dort soviel Liebe bei den Menschen: Liebe für die Bienen, für die Natur. Und irgendwie zeigt diese Liebe sich auch in gegenseitiger Wertschätzung zwischen den Menschen.
Ich muss an dieser Stelle noch mal sagen, daß ich, MeToo hin oder her, Männer ziemlich gern habe - nicht alle natürlich - und mich gern mit ihnen über interessante Themen unterhalte und ebenso gern das erotische Spiel mag, das sich manchmal entwickelt. Und deshalb habe ich ein großes Interesse daran, mit ihnen in Frieden zu leben.
Das Sinnbild, das ich nach Hause genommen habe, ist der Fluss. Danke, T.!

Hier ist jetzt endlich der Winter angekommen: Schnee und klarer Himmel! Auf dem Rückweg von Selent kam mir ein älteres Paar entgegen, das ich auf dem Hinweg schon getroffen hatte. "Schön heute, nicht!" sagte die Frau im Vorbeigehen. Oh ja! Die Sonne scheint, mein Herz ist voll, das Leben ist schön!
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Mittwoch, 31. Januar 2018

Marienkirche

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Am Sonntag besuchte mich M. und ich zeigte ihr unseren Ritualplatz unter den alten Eichen an dem großen Teich ohne Namen, der den Vögeln gehört. Vor einem Jahr haben wir dort das letzte gemeinsame Ritual gefeiert. M. fragte mich, ob ich wehmütig sei. Nein, bin ich nicht. Es ist einfach gut, daß diese Zeit vorbei ist, so wichtig sie auch war. Dinge und Menschen kommen und gehen, manche bleiben. Wahrscheinlich ist das alles irgendwie richtig.
M. erzählte mir von der Kirche in Kirchnüchel am Westhang des Bungsberg, nicht allzu weit von meiner alten ostholsteinischen Heimat. Ich bin ab und zu dran vorbei gefahren. Heute hatte ich einen freien Tag, und ich fuhr bei Sonnenschein und schneidendem Wind nach Kirchnüchel. Ich ging in die Kirche und entdeckte die winzig kleine Elfenbeinmadonna, von der M. mir erzählt hatte. Daß eine Madonna in einer protestantischen Kirche steht, ist schon was Besonderes. Ich zündete eine Kerze für sie an.
Die Quelle, die sich dort auch befinden soll und die der eigentliche alte Wallfahrtsort ist, fand ich nicht. Es gab auch keine Person, die ich fragen konnte.
Die alten Kultplätze wurden im Namen der christlichen Religion systematisch zerstört. Wo alte Kirchen stehen, waren mit hoher Wahrscheinlichkeit früher heilige Haine, heilkräftige Quellen oder einfach Plätze, an denen Menschen eine besondere Beziehung zur Landschaft hatten. Indem man dort Kirchen baute, versuchte man die lebendigen Erdenergien zu fesseln.
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Freitag, 26. Januar 2018

Lachen

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Gestern Abend las ich die online-Langfassung der Rede von Milo Rau über das Kongo-Tribunal und schlief anschließend sehr schlecht. Kein Wunder! Interessant ist übrigens, was er über Martin Luther und Thomas Müntzer schreibt. Martin Luther, der Hexen persönlich verbrennen wollte und Juden hasste, wurde letztes Jahr bekanntermaßen ohne Ende gefeiert. Seitdem denken einige über den Reformationstag als zusätzlichen Feiertag nach. Ich hätte nichts gegen eine weiteren Feiertag, finde sowieso, daß die protestantischen Bundesländer damit ziemlich unterversorgt sind. Aber bitte nichts, was mit Martin Luther zu tun hat! Vielleicht lieber einen für Thomas Müntzer, der sich wirklich um die von den Fürsten aufs Übelste ausgebeuteten Bauern eingesetzt hat. Das kann man von Martin Luther beim besten Willen nicht behaupten.
Mein Sohn ist nach dem Lesen des Artikels über das Kongo-Tribunal froh, daß jetzt erst mal Karneval ist, weil man dann alles Schlimme für ein paar Tage vergessen kann. Na, er hat's gut, er lebt im Rheinland, wo Karneval aufs Wildeste gefeiert wird. Ich vermisse das sehr, vor allem die Weiberfastnacht, wo wir Frauen uns alles rausnehmen konnten und immer sehr viel Spaß hatten. Hier im Norden ist das leider undenkbar. Nicht daß ich eine Freundin der katholischen Kirche wäre, aber die Protestanten sind so verdammt unsinnlich! Na, und eigentlich ist Karneval viel älter als jede Kirche - die verrückte uranische Zeit zwischen Winter und Frühling.
Bei dem ganzen Elend in der Welt darf das Lachen auf keinen Fall vergessen werden. Über den heutigen Eintrag Luisa Francias Blog über den fettbäuchigen Mann in München musste ich laut lachen:
http://www.salamandra.de/tagebuch/start.php
Danke, Luisa!

Mittwoch, 24. Januar 2018

Ermächtigung

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Gestern trafen wir Sprachpat*innen und Flüchtlingshelfer*innen uns, um zu besprechen, was wir im Falle der Familien tun können, denen die Abschiebung droht. Es war nicht das erste Treffen. Dieses Mal war noch eine der Koordinatorinnen des Kreises Plön dabei, die wir eingeladen hatten. Es kamen drei weitere in der Kreisverwaltung für das Thema Geflüchtete zuständige Personen, die wir nicht eingeladen hatte; sie schienen es aber für wichtig zu halten zu kommen.
Die Stunde mit ihnen fühlte sich für mich sehr befremdlich an: die Ranghöchste der drei redete sehr, sehr viel ("sabbeln" nennt der Norddeutsche das). Aber unterm Strich waren es nur zwei Botschaften:
- sie können auch nichts machen; das ist Aufgabe des Gesetzgebers
- unser Engagement als Helfer*innen sei trotzdem sinnvoll, weil dank uns die Abzuschiebenden gute Deutschkenntnisse nach Hause mitnehmen.
Aha!
Dann gingen die drei, nachdem sie jedem von uns die Hand gegeben hatten.
Wir sahen uns an und fragten uns: "Was hat uns das jetzt gebracht?"
Sinnvoller war dann der anschließende Termin mit einer Frau von den Kieler Nachrichten, die einen Artikel über das Thema schreiben wird. Sie hörte uns zu, schrieb alles auf und gab uns anschließend noch ein paar nützliche Tipps.
Wir erfuhren übrigens auch noch von einer Person, die es wissen muss, daß zur Zeit alle Asylanträge von afghanischen Geflüchteten abgelehnt werden und es dem BAMF völlig schnurzegal ist, ob diese Menschen gut integriert sind.
Mir gefällt die Idee, die Blechanstecknadeln, die wir letztes Jahr für unser Engagement bekommen haben (und auf die keine*r von uns scharf war) in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion an die Landesregierung zurückzugeben.
Einer aus unserem Kreis fragte, ob den Verantwortlichen in Berlin wohl klar sei, was passierte, wenn alle ehrenamtlichen Helfer ihre Tätigkeit einstellten, sozusagen in Generalstreik gingen.
Sehr aufgeladen und wütend ging ich nach Hause. Dort erwartete mich die neue Brennstoff. Und die ist mal wieder so toll, daß ich sie sofort zum x-ten Mal empfehlen muss. Mittlerweile auch online verfügbar:
http://brennstoff.com/ausgaben/selbstermaechtigung/
Besonders stark der Artikel über das Kongo-Tribunal von Milo Rau. Daß es ganz furchtbar ist, was seit 20 Jahren im Kongo abgeht, wusste ich schon. Aber es ist noch viel, viel furchtbarer. Und das alles wegen Coltan, das wir für unsere Handys, Smartphones, Laptops usw. brauchen. Durch das Tribunal meldeten sich viele Menschen bei den Veranstaltern und schilderten andere Fälle von Verbrechen global agierender Firmen. Außer dem üblichen Verdächtigen Monsanto sind auch z. B. VW und KiK beteiligt. Letztlich wahrscheinlich fast alle.
Ganz großartig ist auch das Interview mit dem chilenischen Biologen und Philosophen Humberto Maturana, der über seine Begegnung mit Pinochet berichtet - sehr ehrlich, sehr offen.
Es geht um Selbstermächtigung: die Verantwortung für unser Handeln liegt bei jedem von uns, immer und immer wieder. Das ist Freiheit.
Hier noch ein schönes Zitat von Howard Zinn:
"Ziviler Ungehorsam ist nicht unser Problem. Unser Problem ist ziviler Gehorsam. Unser Problem ist, dass Unzahlen von Menschen aus aller Welt den Diktaten der Anführer ihrer Regierungen gehorcht haben und in den Krieg gezogen sind - und Millionen sind aufgrund dieses Gehorsams ermordet worden. Unser Problem ist, dass Menschen aus aller Welt angesichts von Armut und Hunger, Grausamkeit, Dummheit und Krieg gehorchen. Unser Problem ist, dass Menschen gehorchen, während die Gefängnisse voller unbedeutender Diebe sind, während die ganz großen Diebe die Gesellschaft anführen und ausrauben. DAS ist unser Problem."
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Montag, 15. Januar 2018

MeToo und Catherine Millet

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Am 11.1. erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit der französischen Schriftstellerin Catherine Millet, einer der Unterzeichnerinnen des Aufrufs, der sich kritisch mit der MeToo-Kampagne auseinandersetzt.
Mein Sohn, der regelmäßig die Süddeutsche liest, fragte per Mail nach meiner Meinung.

Hier ist meine Antwort:

Die Aussagen von Catherine Millet finde ich zum Teil grenzwertig bzw. nicht nachvollziehbar. Ich habe auch ausschnittweise die Erklärung im Guardian gelesen, die u. a. von Catherine Deneuve unterzeichnet wurde.

Natürlich muss sexualisierte Gewalt abgelehnt und mit entsprechenden Konsequenzen bestraft werden. Ansonsten gibt es - finde ich - keine allgemeingültige Grenze. Das hängt von der jeweiligen Frau, dem jeweiligen Mann, der jeweiligen Situation und der jeweiligen persönlichen Verfassung ab. Wenn mich ein Mann auf der Straße an die Möpse oder in den Schritt fasst, kriegt er eine gescheuert oder einen Tritt in die Eier, mindestens wird er aber von mir laut beschimpf, wobei es ein Vorteil des Alters ist, daß solche Übergriffe schon lange nicht mehr vorgekommen sind. Wohl aber in der Vergangenheit, und da habe ich einige Male ziemlich wütend reagiert. Dafür brauche ich aber keinen Staatsanwalt, das regele ich selber. Und ich wünsche mir für alle jungen Frauen, daß sie frühzeitig lernen, sich selbstbewusst zu verhalten und ihre eigenen Grenzen zu setzen. Es wäre dann z. B. die Aufgabe der Mütter, das ihren Töchtern vorzuleben.

Meine Erfahrung ist, daß selbstbewusstes Auftreten das sicherste Mittel ist, um unbelästigt durchs Leben zu kommen. Aber das habe ich erst allmählich gelernt. So
bin ich viele Jahre abends ohne Angst allein durch die Stadt gegangen und nie ist etwas passiert. Manchen hilft diesbezüglich ein Selbstverteidigungskurs.

Bei Männern, die ich kenne, finde ich es manchmal angenehm, manchmal nicht, wenn ich angefasst werde. Das hängt davon ab, ob ich sie mag oder nicht, ob ich gut gelaunt bin oder nicht. Ich fasse übrigens auch Männer an, wenn ich sie mag (allerdings nicht an die Genitalien, wenn es nicht gerade meine Sexualpartner sind). Es kommt also ganz darauf an. Da gebe ich Millet unbedingt Recht, wenn sie sagt: Eine Frau kann Nein sagen.

Ich sehe in der #MeToo-Debatte einerseits die Chance, das mal auf den Tisch kommt, was noch immer Scheiße läuft zwischen einigen Männern und Frauen, andererseits die Gefahr, daß wir Frauen weiterhin in der Rolle des Opfers bleiben, das sich über die schlechte Behandlung durch Männer beklagt. Darauf habe ich schon seit Jahrzehnten keinen Bock mehr und seitdem bin ich auch kein Opfer mehr gewesen.

Und eines ist mir ganz wichtig: Frauen sind auf keinen Fall die besseren Menschen. Wir täten gut daran, für uns selbst zu erkennen, wo wir Komplizinnen geworden sind (Stockholm-Syndrom). Und ich habe mittlerweile auch Männer kennengelernt, die in der Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben, nicht nur durch pädophile Männer, sondern auch durch ihre Mütter. Jüngster Fall, der gestern im Radio kam: die Frau, die ihren neunjährigen Sohn im Netz an Pädophile verkauft hat.

Wir alle sind infiziert von der Seuche des Patriarchats, auch die Männer. Heilung kann nur stattfinden, wenn wir mit den Polarisierungen aufhören. Frauen müssen lernen zu sagen: Alter, bis hierher und nicht weiter! Und Männer müssen lernen, ein Nein hinzunehmen. Und einige Männer, offensichtlich vor allem ältere, müssen begreifen lernen, daß das Aussehen und die Kleidung einer Frau keine Aufforderung zum Übergriff ist. Wir Frauen haben in den letzten 40 bis 50 Jahren viel gelernt. Ich traue auch Männern zu, daß sie dazu grundsätzlich in der Lage sind - vielen jedenfalls.

Im Übrigen mag ich das erotische Spiel zwischen Mann und Frau und möchte es nicht durch Gesetze reglementiert bekommen.

Und was meinst du als Mann dazu?

Die Antwort meines Sohnes:

Hab mir noch nicht wirklich ein Urteil gebildet. Fand Millets Aussagen recht krass. Allerdings habe ich eher das Gefühl, sie will dem Main Stream, der sich gebildet hat, ein Kontra geben und das tut sie drastisch, damit es auf alle Fälle gehört wird.

Man braucht ja nicht drüber diskutieren, dass Übergriffe, die gegen den Willen geschehen, völlig unter der Sau sind. Aber diese ganzen Gutmenschen nerven mich. Plötzlich, da es Vorteile bringt, müssen sich alle darstellen und sagen, wie schlimm das ist. Aber vorher haben Streep und Co damit kein Problem gehabt. Gerade die erfolgreichen Schauspielerinnen hätten doch etwas sagen können. Jetzt wo es jeder erwartet, solidarisieren sie sich plötzlich. Das ist völlig verlogen. Da finde ich Millet besser. Die schwimmt gegen den Strom.
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Und sonst: ich habe mich von der Gürtelrose weitgehend erholt, habe allerdings noch mit Juckreiz an den abheilenden Stellen zu tun. Da hilft Hitze: einen Waschlappen mit kochendem Wasser übergießen und dann mit Hilfe eine Glases ausdrücken und direkt für ein paar Sekunden auf die Haut auflegen. Das gibt keine Verbrühungen, beschert einer aber viele juckreizfreie Stunden.
Am Donnerstag gingen I. und ich mittags ins Medea an der Holtenauer: georgische Küche, erinnert an mediterrane Kochkunst. Sehr zu empfehlen!
Am Samstag hat mich die liebe L. zu Käsefondue ins Blé noir eingeladen. Sehr lecker wie immer, sehr schöne Gespräche, nachdem wir lange Zeit nicht dazu gekommen sind.
Empfehlen möchte ich auch ein Buch, das ich gerade lese: Alles fühlt von Andreas Weber. Ich habe es Jans vor sieben Jahren geschenkt, weil ich schon andere Bücher des Autors gelesen und gut gefunden habe. Jetzt habe ich es zurückbekommen und mich sehr gefreut, als ich seine vielen Bleistiftstriche am Rand entdeckte. Andreas Weber ist Biologe und Philosoph, ein tiefenökologisch denkender Biologe sozusagen (er selbst nennt sich nicht so). Alles fühlt, alles ist lebendig, alles ist mit allem verbunden. Wer das einmal bis in die Körperzellen begriffen hat, der kann die Methoden und Erkenntnisse der Schulwissenschaften nicht mehr ernst nehmen.

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