Dienstag, 20. Februar 2018

Kummer

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Meine liebe kleine Skadi ist tot. Sie ist nur drei Jahre und sieben Monate alt geworden.
Es fing am vorletzten Dienstag mit einem klagenden Laut an, den ich noch nie von ihr gehört hatte. Ich konnte aber nicht erkennen, was sie hatte. Sie verließ abends mit mir zusammen das Haus. Als ich morgens vom Nachtdienst kam, begrüßte sie mich nicht wie sonst vorm Haus oder im Flur, sie war auch offensichtlich die ganze Nacht nicht da gewesen. Da bekam ich Angst. Vor einem Jahr ist der Kater einer Nachbarin an Rattengift gestorben. Leider hält sich bis jetzt der Verdacht, daß eine Person aus dem Dorf ihre Hände im Spiel hatte.
Auch mittags war Skadi nicht da. Nachmittags ging ich auf die Suche und fand sie bei M. im Schuppen. Seltsamerweise hatte sie auf den Boden gepinkelt, obwohl sie den Schuppen hätte verlassen können. Sie begrüßte mich, wollte aber nicht mitkommen und wirkte irgendwie verstört. Ich ließ sie in Ruhe, darauf vertrauend, daß der Hunger sie nach Hause treiben würde. Aber sie kam auch in der nächsten Nacht nicht zurück. Am frühen Morgen ging ich mit der Futterdose rüber und fand sie im Carport von M. Dort hatte sie bei eisiger Kälte wohl die ganze Nacht ausgeharrt. Sie fraß gierig aus meiner Hand und folgte mir bzw. der Futterdose nach Hause. Sie wirkte noch verwirrt, kam immer wieder zu mir und sagte mit ihrer leisen Stimme "Mi". Irgendwann fiel mir auf, daß ihr große Mengen Speichel vom Mäulchen tropfte und sie etwas benommen aussah. Als ich nachmittags aus Kiel zurückkam, hatte sie einen epileptischen Krampfanfall: dabei zuckte ihr Schnäuzchen, die Zähne klickten, ihr Hals war überstreckt, die Pupillen riesengroß und starr und wieder tropfte Speichel. Danach benahm sie sich jedoch normal, zeigte auch Interesse an ihrer Umgebung und fraß mit gutem Appetit. Ich machte mir Sorgen.
Nachts muss sie einige dieser Anfälle gehabt haben: ich fand am Morgen die Speichelspuren auf dem Teppich und meine Bettdecke hatte einen feuchten Urinfleck. Ich war so ratlos. Ich hatte schon das Internet durchgeforscht, was mir nicht wirklich weiterhalf. Also saß ich, Skadi auf meinem Schoß, und bat meine Helferwesen um Hilfe für Skadi und mich. Nach einem weiteren Anfall, der den ganzen Körper erfasste und sie verwirrt in einer Urinlache zurückließ, rief ich die Tierärztin an und fuhr dann mit Skadi zu ihr.
Die Ärztin untersuchte die Kleine von Kopf bis Fuß: Pupillenreflexe, abhören, Bauch abtasten, Fiebermessen, Zähne und Rachen ansehen. Skadi ließ alles überraschend gut mit sich machen. Zum Schluss sagte die Ärztin: "So ein gesundes Tier!" Kein Anzeichen für eine Vergiftung oder Verletzung. Ja, aber die Anfälle!
Ich fuhr wieder nach Hause. Abends rief die Ärztin an und äußerte die Vermutung, daß Skadi einen Vitamin B1-Mangel habe. Das glaubte ich nun nicht: eine Katze, die reichlich Mäuse fängt und futtert und zusätzlich mit frischem Rinderherz und gelegentlich Trockenfutter gefüttert wird, hat bestimmt keinen Vitamin B1-Mangel. Aber ich war damit einverstanden, Vitamin B1 versuchsweise spritzen zu lassen. Die Tierärztin kam am nächsten Tag vorbei, gab ihr eine Injektion und äußerte die Hoffnung, daß die Anfälle ganz schnell abklingen würden. Taten sie aber nicht. Allmählich dämmerte mir, daß es nicht nach meinen Wünschen gehen würde, sondern daß die Entscheidung über Heilung oder Nicht-Heilung an anderer Stelle getroffen würde.
Nachts wurde ich wach von Skadis kläglichem Maunzen und Zähneklicken. Mittlerweile hatte sie auch tonisch-klonische Anfälle, bei denen sie mit den Vorderläufen auf den Boden trommelte. Ich schlief kaum und fühlte mich sehr schlecht und hilflos. Am Sonntagmorgen verkroch Skadi sich unter mein Bett. Sie wirkte jetzt auch nicht mehr gesund. Sie hatte zwischen den Anfällen offensichtlich keine Energie ihr Fell zu putzen, was man ihr ansah. Als sie schließlich einen etwa drei Minuten langen Anfall hatte, bei dem sie auf die Seite fiel, rief ich die Tierärztin an. Die sagte, es gäbe jetzt entweder die Möglichkeit, Skadi alle zwölf Stunden Luminal zu geben, allerdings ohne Garantie auf Erfolg. Oder sie einzuschläfern.
Meine Entscheidung war sofort klar: ich wollte Erlösung für das arme Wesen - ja, und auch für mich.
Die Tierärztin kam nachmittags vorbei und wir gaben Skadi gemeinsam den Tod. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich war erst mal erleichtert, daß das Leiden ein Ende hat. Dann kam der Schmerz über den Verlust dieses schönen und freien Tieres. Es war so schön mit ihr zusammen zu leben, ihre feine Stimme zu hören, ihre raue Zunge auf meinen Händen, ihren warmen Körper nachts an meinen Beinen zu spüren. Sie hat mir soviel Freude gebracht, war ein so freundliches Wesen und wenn sie mich ansah, hatte ich oft das Gefühl, sie sieht mir direkt ins Herz.
Seit sie weg ist, denke ich, daß wir eine ideale Beziehung hatten: ohne Bedingungen, in völliger Freiheit. Auch wenn sie bei mir wohnte, ist sie doch immer ein wildes Tier geblieben.
Ach, sie fehlt mir so sehr!
Ich habe mir tatsächlich drei Trauertage genommen und mich dafür bei der Arbeit krank gemeldet.
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Ich möchte auch sagen, daß ich in meinem Schmerz ganz viel Trost bekommen habe: Freundin L. hat mich telefonisch und per SMS unterstützt. Meine Kinder haben mich getröstet. Nachbarin M. kam mit einer weißen Rose, die jetzt an Skadis verwaistem Fensterplatz steht. Auch die Tierärztin war toll: sie hat mir sogar nach der Einschläferungsaktion angeboten mir noch ein wenig Gesellschaft zu leisten und sagte zum Abschied, ich sei sehr tapfer gewesen.
Mein Nachbar T., selber großer Katzenliebhaber, sagte mir, Skadi wäre mir im Himmel dankbar für meine Entscheidung, ihr Leiden nicht mit Tabletten zu verlängern.
In den Tagen danach hat mich auch Charles Eisenstein mit seinem Buch Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich getröstet.
Danke an euch alle!
Es ist seltsam: seit 2012 sind soviele Menschen aus meinem persönlichen Feld gestorben - mein Vater, Ute, Norbert, Jans - aber bei keinem habe ich solch einen großen Schmerz empfunden wie bei Skadi.
Danke, du kleines Wesen, daß du bei mir warst und mir soviel Freude und Liebe gebracht hast!
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Die Ursache für die Krampfanfälle wissen wir nicht. Vielleicht ein Tumor oder eine Nekrose im Gehirn. Letztendlich ist es egal.

Dienstag, 6. Februar 2018

Fluss

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Ich hatte mir den Sonntag frei getauscht, um zum De Immen-Treffen nach Lübeck zu fahren, aber morgens war ich wenig motiviert. Es hatte geschneit, es sah schmuddelig aus, ich wollte gern ausschlafen. Tat ich dann glücklicherweise nicht.
Es war wieder ein so schönes Treffen mit wundersamen Begegnungen, neuen Impulsen, viel Nahrung für Herz und Seele und das vielfältige Buffet für den Leib. Es findet sich dort soviel Liebe bei den Menschen: Liebe für die Bienen, für die Natur. Und irgendwie zeigt diese Liebe sich auch in gegenseitiger Wertschätzung zwischen den Menschen.
Ich muss an dieser Stelle noch mal sagen, daß ich, MeToo hin oder her, Männer ziemlich gern habe - nicht alle natürlich - und mich gern mit ihnen über interessante Themen unterhalte und ebenso gern das erotische Spiel mag, das sich manchmal entwickelt. Und deshalb habe ich ein großes Interesse daran, mit ihnen in Frieden zu leben.
Das Sinnbild, das ich nach Hause genommen habe, ist der Fluss. Danke, T.!

Hier ist jetzt endlich der Winter angekommen: Schnee und klarer Himmel! Auf dem Rückweg von Selent kam mir ein älteres Paar entgegen, das ich auf dem Hinweg schon getroffen hatte. "Schön heute, nicht!" sagte die Frau im Vorbeigehen. Oh ja! Die Sonne scheint, mein Herz ist voll, das Leben ist schön!
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Mittwoch, 31. Januar 2018

Marienkirche

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Am Sonntag besuchte mich M. und ich zeigte ihr unseren Ritualplatz unter den alten Eichen an dem großen Teich ohne Namen, der den Vögeln gehört. Vor einem Jahr haben wir dort das letzte gemeinsame Ritual gefeiert. M. fragte mich, ob ich wehmütig sei. Nein, bin ich nicht. Es ist einfach gut, daß diese Zeit vorbei ist, so wichtig sie auch war. Dinge und Menschen kommen und gehen, manche bleiben. Wahrscheinlich ist das alles irgendwie richtig.
M. erzählte mir von der Kirche in Kirchnüchel am Westhang des Bungsberg, nicht allzu weit von meiner alten ostholsteinischen Heimat. Ich bin ab und zu dran vorbei gefahren. Heute hatte ich einen freien Tag, und ich fuhr bei Sonnenschein und schneidendem Wind nach Kirchnüchel. Ich ging in die Kirche und entdeckte die winzig kleine Elfenbeinmadonna, von der M. mir erzählt hatte. Daß eine Madonna in einer protestantischen Kirche steht, ist schon was Besonderes. Ich zündete eine Kerze für sie an.
Die Quelle, die sich dort auch befinden soll und die der eigentliche alte Wallfahrtsort ist, fand ich nicht. Es gab auch keine Person, die ich fragen konnte.
Die alten Kultplätze wurden im Namen der christlichen Religion systematisch zerstört. Wo alte Kirchen stehen, waren mit hoher Wahrscheinlichkeit früher heilige Haine, heilkräftige Quellen oder einfach Plätze, an denen Menschen eine besondere Beziehung zur Landschaft hatten. Indem man dort Kirchen baute, versuchte man die lebendigen Erdenergien zu fesseln.
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Freitag, 26. Januar 2018

Lachen

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Gestern Abend las ich die online-Langfassung der Rede von Milo Rau über das Kongo-Tribunal und schlief anschließend sehr schlecht. Kein Wunder! Interessant ist übrigens, was er über Martin Luther und Thomas Müntzer schreibt. Martin Luther, der Hexen persönlich verbrennen wollte und Juden hasste, wurde letztes Jahr bekanntermaßen ohne Ende gefeiert. Seitdem denken einige über den Reformationstag als zusätzlichen Feiertag nach. Ich hätte nichts gegen eine weiteren Feiertag, finde sowieso, daß die protestantischen Bundesländer damit ziemlich unterversorgt sind. Aber bitte nichts, was mit Martin Luther zu tun hat! Vielleicht lieber einen für Thomas Müntzer, der sich wirklich um die von den Fürsten aufs Übelste ausgebeuteten Bauern eingesetzt hat. Das kann man von Martin Luther beim besten Willen nicht behaupten.
Mein Sohn ist nach dem Lesen des Artikels über das Kongo-Tribunal froh, daß jetzt erst mal Karneval ist, weil man dann alles Schlimme für ein paar Tage vergessen kann. Na, er hat's gut, er lebt im Rheinland, wo Karneval aufs Wildeste gefeiert wird. Ich vermisse das sehr, vor allem die Weiberfastnacht, wo wir Frauen uns alles rausnehmen konnten und immer sehr viel Spaß hatten. Hier im Norden ist das leider undenkbar. Nicht daß ich eine Freundin der katholischen Kirche wäre, aber die Protestanten sind so verdammt unsinnlich! Na, und eigentlich ist Karneval viel älter als jede Kirche - die verrückte uranische Zeit zwischen Winter und Frühling.
Bei dem ganzen Elend in der Welt darf das Lachen auf keinen Fall vergessen werden. Über den heutigen Eintrag Luisa Francias Blog über den fettbäuchigen Mann in München musste ich laut lachen:
http://www.salamandra.de/tagebuch/start.php
Danke, Luisa!

Mittwoch, 24. Januar 2018

Ermächtigung

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Gestern trafen wir Sprachpat*innen und Flüchtlingshelfer*innen uns, um zu besprechen, was wir im Falle der Familien tun können, denen die Abschiebung droht. Es war nicht das erste Treffen. Dieses Mal war noch eine der Koordinatorinnen des Kreises Plön dabei, die wir eingeladen hatten. Es kamen drei weitere in der Kreisverwaltung für das Thema Geflüchtete zuständige Personen, die wir nicht eingeladen hatte; sie schienen es aber für wichtig zu halten zu kommen.
Die Stunde mit ihnen fühlte sich für mich sehr befremdlich an: die Ranghöchste der drei redete sehr, sehr viel ("sabbeln" nennt der Norddeutsche das). Aber unterm Strich waren es nur zwei Botschaften:
- sie können auch nichts machen; das ist Aufgabe des Gesetzgebers
- unser Engagement als Helfer*innen sei trotzdem sinnvoll, weil dank uns die Abzuschiebenden gute Deutschkenntnisse nach Hause mitnehmen.
Aha!
Dann gingen die drei, nachdem sie jedem von uns die Hand gegeben hatten.
Wir sahen uns an und fragten uns: "Was hat uns das jetzt gebracht?"
Sinnvoller war dann der anschließende Termin mit einer Frau von den Kieler Nachrichten, die einen Artikel über das Thema schreiben wird. Sie hörte uns zu, schrieb alles auf und gab uns anschließend noch ein paar nützliche Tipps.
Wir erfuhren übrigens auch noch von einer Person, die es wissen muss, daß zur Zeit alle Asylanträge von afghanischen Geflüchteten abgelehnt werden und es dem BAMF völlig schnurzegal ist, ob diese Menschen gut integriert sind.
Mir gefällt die Idee, die Blechanstecknadeln, die wir letztes Jahr für unser Engagement bekommen haben (und auf die keine*r von uns scharf war) in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion an die Landesregierung zurückzugeben.
Einer aus unserem Kreis fragte, ob den Verantwortlichen in Berlin wohl klar sei, was passierte, wenn alle ehrenamtlichen Helfer ihre Tätigkeit einstellten, sozusagen in Generalstreik gingen.
Sehr aufgeladen und wütend ging ich nach Hause. Dort erwartete mich die neue Brennstoff. Und die ist mal wieder so toll, daß ich sie sofort zum x-ten Mal empfehlen muss. Mittlerweile auch online verfügbar:
http://brennstoff.com/ausgaben/selbstermaechtigung/
Besonders stark der Artikel über das Kongo-Tribunal von Milo Rau. Daß es ganz furchtbar ist, was seit 20 Jahren im Kongo abgeht, wusste ich schon. Aber es ist noch viel, viel furchtbarer. Und das alles wegen Coltan, das wir für unsere Handys, Smartphones, Laptops usw. brauchen. Durch das Tribunal meldeten sich viele Menschen bei den Veranstaltern und schilderten andere Fälle von Verbrechen global agierender Firmen. Außer dem üblichen Verdächtigen Monsanto sind auch z. B. VW und KiK beteiligt. Letztlich wahrscheinlich fast alle.
Ganz großartig ist auch das Interview mit dem chilenischen Biologen und Philosophen Humberto Maturana, der über seine Begegnung mit Pinochet berichtet - sehr ehrlich, sehr offen.
Es geht um Selbstermächtigung: die Verantwortung für unser Handeln liegt bei jedem von uns, immer und immer wieder. Das ist Freiheit.
Hier noch ein schönes Zitat von Howard Zinn:
"Ziviler Ungehorsam ist nicht unser Problem. Unser Problem ist ziviler Gehorsam. Unser Problem ist, dass Unzahlen von Menschen aus aller Welt den Diktaten der Anführer ihrer Regierungen gehorcht haben und in den Krieg gezogen sind - und Millionen sind aufgrund dieses Gehorsams ermordet worden. Unser Problem ist, dass Menschen aus aller Welt angesichts von Armut und Hunger, Grausamkeit, Dummheit und Krieg gehorchen. Unser Problem ist, dass Menschen gehorchen, während die Gefängnisse voller unbedeutender Diebe sind, während die ganz großen Diebe die Gesellschaft anführen und ausrauben. DAS ist unser Problem."
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Montag, 15. Januar 2018

MeToo und Catherine Millet

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Am 11.1. erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit der französischen Schriftstellerin Catherine Millet, einer der Unterzeichnerinnen des Aufrufs, der sich kritisch mit der MeToo-Kampagne auseinandersetzt.
Mein Sohn, der regelmäßig die Süddeutsche liest, fragte per Mail nach meiner Meinung.

Hier ist meine Antwort:

Die Aussagen von Catherine Millet finde ich zum Teil grenzwertig bzw. nicht nachvollziehbar. Ich habe auch ausschnittweise die Erklärung im Guardian gelesen, die u. a. von Catherine Deneuve unterzeichnet wurde.

Natürlich muss sexualisierte Gewalt abgelehnt und mit entsprechenden Konsequenzen bestraft werden. Ansonsten gibt es - finde ich - keine allgemeingültige Grenze. Das hängt von der jeweiligen Frau, dem jeweiligen Mann, der jeweiligen Situation und der jeweiligen persönlichen Verfassung ab. Wenn mich ein Mann auf der Straße an die Möpse oder in den Schritt fasst, kriegt er eine gescheuert oder einen Tritt in die Eier, mindestens wird er aber von mir laut beschimpf, wobei es ein Vorteil des Alters ist, daß solche Übergriffe schon lange nicht mehr vorgekommen sind. Wohl aber in der Vergangenheit, und da habe ich einige Male ziemlich wütend reagiert. Dafür brauche ich aber keinen Staatsanwalt, das regele ich selber. Und ich wünsche mir für alle jungen Frauen, daß sie frühzeitig lernen, sich selbstbewusst zu verhalten und ihre eigenen Grenzen zu setzen. Es wäre dann z. B. die Aufgabe der Mütter, das ihren Töchtern vorzuleben.

Meine Erfahrung ist, daß selbstbewusstes Auftreten das sicherste Mittel ist, um unbelästigt durchs Leben zu kommen. Aber das habe ich erst allmählich gelernt. So
bin ich viele Jahre abends ohne Angst allein durch die Stadt gegangen und nie ist etwas passiert. Manchen hilft diesbezüglich ein Selbstverteidigungskurs.

Bei Männern, die ich kenne, finde ich es manchmal angenehm, manchmal nicht, wenn ich angefasst werde. Das hängt davon ab, ob ich sie mag oder nicht, ob ich gut gelaunt bin oder nicht. Ich fasse übrigens auch Männer an, wenn ich sie mag (allerdings nicht an die Genitalien, wenn es nicht gerade meine Sexualpartner sind). Es kommt also ganz darauf an. Da gebe ich Millet unbedingt Recht, wenn sie sagt: Eine Frau kann Nein sagen.

Ich sehe in der #MeToo-Debatte einerseits die Chance, das mal auf den Tisch kommt, was noch immer Scheiße läuft zwischen einigen Männern und Frauen, andererseits die Gefahr, daß wir Frauen weiterhin in der Rolle des Opfers bleiben, das sich über die schlechte Behandlung durch Männer beklagt. Darauf habe ich schon seit Jahrzehnten keinen Bock mehr und seitdem bin ich auch kein Opfer mehr gewesen.

Und eines ist mir ganz wichtig: Frauen sind auf keinen Fall die besseren Menschen. Wir täten gut daran, für uns selbst zu erkennen, wo wir Komplizinnen geworden sind (Stockholm-Syndrom). Und ich habe mittlerweile auch Männer kennengelernt, die in der Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben, nicht nur durch pädophile Männer, sondern auch durch ihre Mütter. Jüngster Fall, der gestern im Radio kam: die Frau, die ihren neunjährigen Sohn im Netz an Pädophile verkauft hat.

Wir alle sind infiziert von der Seuche des Patriarchats, auch die Männer. Heilung kann nur stattfinden, wenn wir mit den Polarisierungen aufhören. Frauen müssen lernen zu sagen: Alter, bis hierher und nicht weiter! Und Männer müssen lernen, ein Nein hinzunehmen. Und einige Männer, offensichtlich vor allem ältere, müssen begreifen lernen, daß das Aussehen und die Kleidung einer Frau keine Aufforderung zum Übergriff ist. Wir Frauen haben in den letzten 40 bis 50 Jahren viel gelernt. Ich traue auch Männern zu, daß sie dazu grundsätzlich in der Lage sind - vielen jedenfalls.

Im Übrigen mag ich das erotische Spiel zwischen Mann und Frau und möchte es nicht durch Gesetze reglementiert bekommen.

Und was meinst du als Mann dazu?

Die Antwort meines Sohnes:

Hab mir noch nicht wirklich ein Urteil gebildet. Fand Millets Aussagen recht krass. Allerdings habe ich eher das Gefühl, sie will dem Main Stream, der sich gebildet hat, ein Kontra geben und das tut sie drastisch, damit es auf alle Fälle gehört wird.

Man braucht ja nicht drüber diskutieren, dass Übergriffe, die gegen den Willen geschehen, völlig unter der Sau sind. Aber diese ganzen Gutmenschen nerven mich. Plötzlich, da es Vorteile bringt, müssen sich alle darstellen und sagen, wie schlimm das ist. Aber vorher haben Streep und Co damit kein Problem gehabt. Gerade die erfolgreichen Schauspielerinnen hätten doch etwas sagen können. Jetzt wo es jeder erwartet, solidarisieren sie sich plötzlich. Das ist völlig verlogen. Da finde ich Millet besser. Die schwimmt gegen den Strom.
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Und sonst: ich habe mich von der Gürtelrose weitgehend erholt, habe allerdings noch mit Juckreiz an den abheilenden Stellen zu tun. Da hilft Hitze: einen Waschlappen mit kochendem Wasser übergießen und dann mit Hilfe eine Glases ausdrücken und direkt für ein paar Sekunden auf die Haut auflegen. Das gibt keine Verbrühungen, beschert einer aber viele juckreizfreie Stunden.
Am Donnerstag gingen I. und ich mittags ins Medea an der Holtenauer: georgische Küche, erinnert an mediterrane Kochkunst. Sehr zu empfehlen!
Am Samstag hat mich die liebe L. zu Käsefondue ins Blé noir eingeladen. Sehr lecker wie immer, sehr schöne Gespräche, nachdem wir lange Zeit nicht dazu gekommen sind.
Empfehlen möchte ich auch ein Buch, das ich gerade lese: Alles fühlt von Andreas Weber. Ich habe es Jans vor sieben Jahren geschenkt, weil ich schon andere Bücher des Autors gelesen und gut gefunden habe. Jetzt habe ich es zurückbekommen und mich sehr gefreut, als ich seine vielen Bleistiftstriche am Rand entdeckte. Andreas Weber ist Biologe und Philosoph, ein tiefenökologisch denkender Biologe sozusagen (er selbst nennt sich nicht so). Alles fühlt, alles ist lebendig, alles ist mit allem verbunden. Wer das einmal bis in die Körperzellen begriffen hat, der kann die Methoden und Erkenntnisse der Schulwissenschaften nicht mehr ernst nehmen.

Dienstag, 9. Januar 2018

geisteskrank

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Heute Morgen hörte ich die Nachricht, daß sich SPD und CDU bei ihren Koalitionssondierungsgesprächen über einen Punkt schon mal einig sind: daß die selbst gesteckten Klimaziele nicht erreichbar sind, da man nicht einfach ein oder mehrere Kohlekraftwerke abschalten könne.
Na prima! Auf in den Untergang!
Daß wir von Geisteskranken regiert werden, ist nichts Neues. Trotzdem finde ich es extrem schmerzhaft zuzusehen, wie die herrschende Kaste so ganz und gar nicht lernfähig ist. Ich weiß ich aus meiner Arbeit, daß ein Mensch mit Wahnvorstellungen durch kein Argument der Welt davon abgebracht werden kann. Und die Vorstellung, daß die Wirtschaft wachsen muss und deshalb kein Kohlekraftwerk abgeschaltet werden darf, ist eine Wahnvorstellung. Allerdings möchte ich diese Menschen nicht auf meiner Station betreuen: ich weiß, daß mich dann jede Professionalität verlassen würde.
Im Film Wild Plants sagt der First Nations-Aktivist Milo Yellow Hair sinngemäß: Wir werden von Menschen beherrscht, die große Angst haben. Und wir müssen unter den Folgen ihrer Angst leiden.
Wie wahr!
Mein Kollege H. sagte neulich, daß ihm das Wetter mittlerweile sehr zu schaffen mache: seit etwa Juni letzten Jahres regnet es in nie dagewesenen Ausmaß. Die Sonnentage dazwischen sind rar.
Mir geht es ähnlich: wie gut die Sonne für die Stimmung ist, habe ich am Sonntag und gestern spüren können. Aber heute zog sich der Himmel wieder zu und das Barometer fiel.
M., die mich heute anrief und sich freundlicherweise nach meinem Befinden erkundigte, sagte, wir müssten uns wohl an den Dauerregen, die überfluteten Äcker und den Mangel an Sonne gewöhnen. Ein Bekannter, der sich damit auskenne, habe ihr das so erklärt: Unser Wetter kommt vom Atlantik. Bei eine Temperaturerhöhung von einem Grad Celsius (die wir bereits haben) verdunstet mehr Wasser über dem Ozean. Das regnet sich dann bei uns ab.
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Ich habe gerade mal wieder festgestellt, wie schwer es ist, auf Plastik zu verzichten: Ich brauche einen neuen Rucksack. Mein Versuch im Outdoorladen in Kiel einen Rucksack aus Baumwolle oder Hanf zu bekommen, scheiterte. Also bestellte ich nach langer Sucherei im Internet einen Baumwollrucksack. Der ist zwar sehr hübsch, stellte sich aber als zu klein raus, obwohl er schon der größte verfügbare war. Also muss ich ihn zurückschicken und leider doch wieder auf Plastik zurückgreifen.
Dafür habe ich jetzt schon ziemlich viel Übung darin, palmölfreie Produkte zu kaufen. Wichtig ist natürlich immer, die Deklaration zu lesen. Wenn da dann Sodium palmate steht, kauf ich es nicht. Manchmal steht einfach nur pflanzliches Öl drauf. Dann handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch um Palmöl.
Übrigens: wer Nutella isst, ist mit verantwortlich für den Regenwaldschwund in Indonesien, da es zum größten Teil aus Palmöl (neben Zucker) besteht.

Sonntag, 7. Januar 2018

krank

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Manchmal sind schwarz und weiß nah beieinander

Die Rauhnächte habe ich mit einer Gürtelrose verbracht. Sie machte sich am Freitag vor Heiligabend mit ein paar mückenstichähnlichen Quaddeln nahe der Wirbelsäule bemerkbar. Am Samstag hatten sie sich Richtung Bauchnabel ausgebreitet. Da wusste ich schon ziemlich sicher, was ich hatte und sagte es auch meiner Kollegin. Heiligabend hatte ich frei, die folgenden Feiertage Dienst. Ich nahm mir vor, zum Arzt zu gehen, wenn sich die Symptome weiter verschlimmern würden und arbeitete bis Dienstagabend. Da war der Lymphknoten in der Leistenbeuge ziemlich dick und ab und zu schoss ein brennender oder bohrender Schmerz durch meine linke Seite, allerdings im erträglichen Rahmen. Ich meldete mich für Mittwoch krank und ging zum Arzt. Der bestätigte meine Diagnose, schrieb mich krank und gab mir ein Rezept für Novalgin-Tropfen.
Ich ging nach Hause ohne das Rezept einzulösen und fand es gar nicht erstaunlich, daß ausgerechnet in den Rauhnächten die in den Spinalganglien schlummernden Varizella-Viren sich auf den Weg entlang der Nervenbahnen machten, um da ein wenig Chaos zu stiften. Ich beschloss, die Krankheit als einen deutlichen Aufruf zum Nichts-Tun zu nehmen.
Allerdings war ich nicht ganz konsequent und fuhr am Donnerstag mit meiner Tochter und ihrem Freund zum Markt, um den Kühlschrank wieder aufzufüllen. Da war plötzlich alles anstrengend, und als wir mittags essen gingen, musste ich viel Aufmerksamkeit darauf verwenden, um immer wieder ganz vorsichtig in die einschießenden Schmerzen hinein zu atmen.
Das war aber der einzige Tag, an dem ich mit einem Schmerzmittel liebäugelte. Geholfen haben mir stattdessen Ruhe und meine lieben wilden Pflanzen: Mädesüß gegen die Schmerzen, die mild beruhigende Melisse, die die Fähigkeit hat, mit Herpesviren umzugehen, Blütenessenz aus Johanniskraut (Kubaba-Essenzen von Rita Hagelstange) und Walnussblättertee zum Betupfen des betroffenen Bereichs. Mittlerweile benutze ich dafür Johannisöl, das beim Abheilen hilft.
Das funktioniert gut und ich bin durchaus stolz darauf, daß ich mal wieder ganz auf die Schulmedizin verzichten konnte.
Als mein Sohn klein war, habe ich mich mit dem anthroposophischen Verständnis von Kinderkrankheiten befasst. Er hatte in seinen ersten Lebensjahren viel mit Mittelohr- und Mandelentzündungen zu tun und hat jedes Mal Antibiotika bekommen, weil die Ärzte das für notwenig hielten und ich dem damals nichts entgegen setzen konnte, obwohl ich schon den Zusammenhang zwischen Antibiotika und Infekthäufung herstellen konnte. Ich fand die Theorie, daß Kinderkrankheiten evolutionär sinnvoll sind und Reifeprozesse anstoßen können, einleuchtend und unterließ irgendwann die empfohlene Antiobiotikabehandlung. Stattdessen griff ich zu den alten Hausmitteln, mit denen ich als Kind bei Mandelentzündungen behandelt wurde. Mein Sohn war dann vier Wochen lang krank: erst wieder irgendein Infekt, dann Windpocken, dann Mumps. Er war damals gerade sechs Jahre alt. Ich hatte das Gefühl, daß alles richtig lief: er hatte Windpocken, obwohl er dagegen geimpft war. Einige Jahre später bekam er auch noch Masern, gegen die er auch geimpft war. Jedenfalls war es dann vorbei mit den ständigen Mandel- und Mittelohrentzündungen. Das hat mich überzeugt. Meine Tochter wurde dann gegen gar keine Kinderkrankheit mehr geimpft und hat sie alle bekommen, so wie ich und mein Bruder und meine gesamte Generation.
Gürtelrose wird durch Windpockenviren hervorgerufen. Welche Entwicklung sie jetzt bei mir anstoßen oder auch nicht, werde ich sehen. Jedenfalls war es eine spannende Erfahrung, nicht ganz angenehm, aber auch nicht dramatisch schlimm. Ich hatte das Haus voller Besuch, aber wenn ich mich danach fühlte, habe ich mich ein wenig hingelegt und bin dann wieder aufgetaucht. Auch das ging gut und wir hatten trotz meiner Krankheit eine schöne Zeit miteinander. Ich feiere übrigens gern mit meinen Kindern und dem Freund meiner Tochter Weihnachten. Das ist mir dieses Jahr ganz besonders klargeworden. Sicher liegt es daran, daß jede*r sein kann, wie er/sie ist, ohne Anstrengung und ohne Ansprüche. Und ich komme gut damit klar, daß meine Ordnung für einige Tage einem gemütlichen Chaos weichen muss.
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Weihnachtschaos in meiner Hütte

Jetzt bin ich wieder allein zu Hause und freue mich über den ersten sonnigen und winterlich kalten Tag seit langem, habe Torta della nonna (Vanillecremetorte) gebacken und bin damit zu I. nach Kiel gefahren.
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Das hat mir geholfen!

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