Samstag, 7. Oktober 2017

Zu Hause sein

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Indisches Springkraut - ein Segen für die Bienen!

I. hatte heute zum Gartentag geladen: Arbeiten, Lachen, Essen. Ich fuhr mit mäßiger Lust hin, da es wieder nach Dauerregen aussah. Aber es war dann lustig und eine schöne Idee von I.: zehn Frauen werkelten in dem wilden Garten unter Anleitung einer Gärtnerin herum, schafften viel, lachten viel und aßen anschließend die leckeren Quiches, Suppen und Kuchen, die I. für uns bereitet hat.
In der Permakultur wird so eine Aktion Permablitz genannt.
Allerdings ruinierten I. und ich beim Ästehäckseln den Shredder. Und unsere beherzten Reparaturversuche machten leider nichts besser.
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In der neuen Oya fand ich ein drittes Mal den Leitsatz der Zapatisten: Caminando preguntamos. Dreimal, das ist also jetzt wichtig.
Gefragt wird in diesem Heft nach Heimat. Was ist das überhaupt? Ich nehme den Faden gern auf und spinne ihn weiter:
Heimat ist für mich die Landschaft, in der ich lebe, der ich mich zugehörig fühle. Das sind auch die Landschaften meiner Kindheit, ganz besonders der Solling, deren Luft ich geatmet habe, deren wilden Wesen ich begegnet bin, deren Boden ich mit meinen Füßen berührt habe, deren Wasser ich getrunken habe.
Heimat kann nichts sein, was mir gehört, auch wenn ich von meinem Zuhause spreche. Es ist die Landschaft, der ich zuhörig bin, von der ich Teil bin gemeinsam mit all den anderen Wesenheiten, den sichtbaren und den unsichtbaren. Dazu gehören auch die Menschen und ihre Sprache.
Ich habe in meinem Leben schon einige Heimaten gehabt, Orte, die ihre Spuren in mir hinterlassen haben.
Zur Heimat gehören auch die Ahnen, die vor mir waren, die mir mein Dasein ermöglicht haben. Ahnen sind für mich nicht nur die menschlichen Vorfahren, sondern die Tiere, die Pflanzen, die Elemente, die elementaren Kräfte. Alle meine Verwandten!
Ich bin davon überzeugt, daß jeder Ort, jede Landschaft eine Seele hat, mit der immer eine Art von Kommunikation stattfindet, vielleicht in etwa das, was Ute Schiran KOREspondenz genannt hat.
Was Zuhause auch ausmacht, ist gute Nachbarschaft, wie ich sie hier immer wieder erlebe: vor einer Woche hat mein Nachbar T., der pilzkundig ist, mir eine große Portion Herbst- oder Totentrompeten geschenkt. Superlecker mit gewürfeltem Speck und Zwiebeln angebraten, mit Salz und Pfeffer gewürzt und einem Schuss Sahne verfeinert.
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Montag, 25. September 2017

Herbst

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Gestern feierte ich die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche. Früher war der Herbst meine Lieblingsjahreszeit. Ich finde immer noch, daß er etwas Mystisches hat mit seinem Nebel und den Spinnennetzen, auf denen der Morgentau glitzert. Die Schwalben sind seit einigen Tagen fort, es ist stiller geworden (wenn eine davon absieht, daß nachts die landwirtschaftlichen Maschinen mit ihren gleißendhellen Scheinwerfern unterwegs sind). Ich machte einen Gang durch den Wald, traf B. und hielt einen Schnack mit ihr, sammelte Kastanien vor ihrem Haus, denn ich will aus ihnen ein Waschmittel herstellen. Sie sind sozusagen die einheimischen Waschnüsse. Übrigens tun diejenigen, die indische Waschnüsse benutzen und meinen, daß sie damit ökologisch handeln, weder der Umwelt noch den Inder*innen einen Gefallen: Waschnüsse müssen nach Europa transportiert werden, per Flugzeug vermutlich. Und weil es hier mittlerweile eine große Nachfrage nach ihnen gibt, sind sie in Indien so teuer geworden, daß die dortige Bevölkerung sie nicht mehr bezahlen kann und stattdessen auf synthetische und unökologische Waschmittel zurückgreifen muss.
Ich suche schon länger nach einer Alternative zu Waschpulver, da in sämtlichen Bio-Waschmittel Palmöl enthalten ist, was auch alles andere als ökologisch ist.
B. war auch interessiert und bot mir gleich ihr Grundstück zum Sammeln an.
Abends machte ich ein kleines Feuer im Garten und saß da, während es dunkel wurde. Ich bedankte mich für all das, was ich in diesem Jahr ernten konnte - während ich es aufzählte, fiel mir auf, daß ich wirklich eine üppige Ernte hatte. Allein meine geliebten dicken Bohnen konnte ich mindestens fünf Mal essen. Nur Äpfel hat es nicht gegeben.
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Heini Staudinger schreibt im letzten GEA-Heft:
"Wir müssen viele Felder des Handwerks wieder zurückholen - denn wir verblöden und verdummen, weil wir selber immer weniger können. Handwerk und sinnvolle Arbeit sind die wertvollsten Herausforderungen des Alltags, an denen wir als Menschen reifen können."
Ja, daß wir verblöden, wenn wir unsere Hände nicht mehr benutzen und alle Schuhe und Kleidung in sogenannten Billiglohnländern fertigen lassen, glaube ich auch. Es gibt eine sehr enge Verbindung zwischen Händen und Gehirn. Außerdem ist es sehr befriedigend, Dinge selbst herzustellen. Dazu gehören auch die traditionellen Hausfrauenfertigkeiten: Kochen, Backen, Nähen, Stricken, Einkochen, Flicken, Weben, Spinnen. Und nebenbei sind viele davonTätigkeiten, bei denen eine so schön in Trance gehen kann. Und einige kann eine mit anderen zusammen machen. Als ich noch in Münster lebte, haben Freundinnen und ich Holunderbeeren gesammelt und dann in meiner Küche entsaftet. Riesenschweinerei und viel Spaß!
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Samstag, 23. September 2017

"Caminando preguntamos"...

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...ist das Motto der indigenen Zapatisten in Chiapas/Mexico, sinngemäß übersetzt heißt das: "Gehend stellen wir Fragen" oder "Fragend schreiten wir voran". Was für ein schöner Leitspruch. Die Zapatisten setzen seit vielen Jahrzehnten der mexikanischen Zentralregierung Widerstand entgegen. Es geht, wie bei allen Urvölkern, um das Recht auf Land, auf Selbstversorgung, auf Autonomie. Vor einigen Wochen wurde ich auf eine Hamburger Iniative aufmerksam, die Kaffee von den Plantagen der Zapatisten verkauft und sie auf diese Weise unterstützt: https://www.aroma-zapatista.de/start
Die finde ich so gut, daß ich gleich ein Probierpaket mit vier Sorten Expresso bei ihnen bestellt habe und eine davon ist nach dem obigen Motto benannt. Er schmeckt übrigens sehr gut, allerdings ist er nicht so kräftig wie meine gewohnte süditalienische Expressomischung aus Arabica- und Robustabohnen, da er nur Arabica enthält.
Als vor wenigen Tagen der GEA-Katalog der Waldviertlerleute ins Haus kam, erlebte ich eine Synchronizität: Darin wird unter der Überschrift Caminando preguntamos für eine neu gegründete Genossenschaft und damit für ein neues Wirtschaftsmodell geworben, das nicht dem Geld sondern dem Leben dient.
Caminando preguntamos könnte auch mein Lebensmotto sein: meinen Weg gehe ich, seit ich gehen kann, mit Schlenkern und scheinbaren Umwegen. Wohin es geht, weiß ich nicht. Einiges erschließt sich im Gehen, einiges erst im Rückblick, einiges möglicherweise niemals. Aber es geht immer um Lebendigkeit, für mich und für alle Wesen dieser Erde. Und ich höre nie auf zu fragen: nach den Erfahrungen der Anderen, nach neuen Möglichkeiten, Fragen richte ich auch an mein Herz: was willst du, wohin willst du? Und es rät mir oft anders als diejenigen, die als vernünftig gelten.
Und damit komme ich zu etwas, was in den letzten Tagen geradezu penetrant in mein Wahrnehmungsfeld gekommen ist: der Aufruf wählen zu gehen, unbedingt und auf jeden Fall und allein schon wegen der AfD (damit die nicht an die Macht kommen).
Wahrscheinlich wiederhole ich mich, wenn ich sage, daß Wahlen nichts bringen: wer hat denn heutzutage die Macht? Wer genau hinsieht, erkennt, es sind nicht die Regierungen, sondern die großen Wirtschaftskonzerne. Die Regierungen haben offensichtlich nur noch die Funktion ihnen den Weg zu ebnen.
Und wer jetzt damit argumentiert, daß wir es im Vergleich zu den Menschen in Afrika, in Asien, in den Ländern mit Diktatoren in der Regierung doch sehr gut haben und stolz auf die Möglichkeit zum Wählen sein könnten: Ja, wir haben es vergleichsweise gut, das bestreite ich gar nicht.
Das ändert aber nichts daran, daß sehr viele, wenn nicht die meisten von uns einer Art Massenhypnose unterliegen und nicht erkennen wollen/können/dürfen, daß unser relativer Reichtum auf dem Rücken der armen Menschen in anderen Erdteilen produziert wird: auf dem Rücken der Näherinnen in Bangladesh, auf dem Rücken der Afrikaner*innen in den Blumenfabriken und Coltanminen, die ihr Leben für einen Hungerlohn aufs Spiel setzen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und ein großer Teil des Reichtums kommt durch Waffenlieferungen an kriegführende Länder zustande. Ich sehe auf dem Heimweg von der Arbeit oft die neuen U-Boote, die in den Kieler Werften hergestellt und dann nach Israel, Saudi-Arabien und sonstwohin geliefert werden. Die Kriege, z. B. der im Jemen, werden also mit Billigung unserer gewählten Regierung geführt, denn die segnet die Waffenexporte ab. Daß es egal ist, welche Partei gewählt wird, weiß man seit der Schröder-Fischer-Regierung: da haben die Grünen plötzlich für den Jugoslawienkrieg gestimmt und damit ihre ursprünglichen pazifistischen Prinzipien auf einen Schlag über den Haufen geworfen.
Oder Griechenland: die Griechen, die Alexis Tsipras wählten, hatten doch gehofft, daß nun etwas Neues passiert. Und ich bin sicher, daß Alexis Tsipras das auch vorhatte. Aber er konnte es nicht, weil es immer und immer und immer nur um Geld geht, wenn es Politik heißt. Das ist die einzige Spielregel, und wer die nicht einhält, ist weg vom Fenster.
Ich werde gerade Zeugin, wie unser viel gerühmtes Gesundheitswesen zusammenbricht. Vor zwei Tagen hat der Postbote mir in einem sehr emotionalen Ausbruch erzählt, wie bei der Post alles zusammenbricht. All das geschieht, weil alles dem Primat des Profits untergeordnet wird. Und die Regierungen spielen bei diesem üblen Spiel mit. Sie können offensichtlich gar nicht anders.
Ja, es muss sich was verändern, weil es immer schmerzhafter wird, sich anzusehen, was geschieht. Aber es sind nicht die Regierungen, die Veränderungen herbeiführen.
Übrigens: wenn ich morgen wählen gehen sollte, dann käme für mich nur eine Partei in Frage, nämlich die Partei vom Satiriker Martin Sonneborn, weil die garantiert nicht in die Regierung kommen und auch gar nicht wollen, aber dafür sehr schön die Lage auf den Punkt bringen: https://www.youtube.com/watch?v=dAhahy7oJps
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Der verwunschene Garten von I.

Samstag, 16. September 2017

Korrektur zum 31.8.

Meine Tochter informierte mich darüber, daß ich in meinem Post über die sparsame Flensburger Wahlplakatierung Fake-News verbreitet habe. Das will ich natürlich nicht, deshalb hier die Richtigstellung: erstens hat Flensburg keinen Bürgermeister sondern eine Bürgermeisterin, zweitens stammt die Entscheidung von den versammelten etablierten Parteien der Stadt.

Mittwoch, 13. September 2017

Grenzen

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Es gibt ja dieses schöne Lied Grenzen von Dota: https://www.youtube.com/watch?v=MgpoE_2dWhY
Darin äußert sie ihr Befremden über Landesgrenzen, da wir doch alle Bürger*innen der einen Erde sind. Aber sie zeigt auch, daß es persönliche Grenzen gibt, die aufgezeigt und respektiert werden müssen.
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, ich bin im Laufe meines Lebens ganz gut geworden im Grenzensetzen. In meiner Geschichte mit Männern habe ich das zum Beispiel durch diverse schlechte Erfahrungen gelernt. Ich denke an den alten und blöden Spruch: Wer A sagt muss auch B sagen.
Nee, muss er/sie nicht. Wenn ich freundlich zu einem Mann bin, heißt das noch lange nicht, daß ich etwas von ihm will.
Aber das gilt natürlich für alle Bereiche. In der Arbeit mit Geflüchteten habe ich ab und zu mit großer Bedürftigkeit zu tun. Ich muss dann sehr klar sagen - oft auch mehrmals: über die Zeit hinaus, die ich für euch da bin, geht bei mir nichts. Mir macht die sichtbare Enttäuschung der Menschen dann manchmal zu schaffen. Aber ich kann und will nicht alle Bedürfnisse abdecken.

In den Krankenhäusern zeigt sich mittlerweile zunehmend dramatisch der seit vielen Jahren prognostizierte Mangel an Pflegekräften. Stationen werden geschlossen, da es an Personal fehlt. So auch in der Klinik, in der ich arbeite. Seit ca. zwei Wochen arbeite ich jetzt auf unterschiedlichen Stationen, während meine eigene leer und verwaist ist. In den Kieler Nachrichten las ich neulich zum Thema Pflegemangel: Die Politik ist ratlos.
Da kann ich nur sagen: Ihr Politiker, redet doch mal mit dem Pflegepersonal statt mit irgendwelchen Anzugträgern aus den Vorständen. Ich bin sicher, daß es dann den einen oder anderen Rat gäbe. Ich will gar nicht wieder mit der Bezahlung anfangen, obwohl die natürlich auch ein Thema sein könnte.
Neulich las ich in einer auf der Station herumliegenden Pflegezeitschrift einen Artikel über die gesunde Gestaltung des ungesunden Schichtdienstes. Die Schreiberin hatte offensichtlich nie in ihrem Leben Schichtdienst gemacht, denn ihre Vorschläge waren völlig realitätsfern. Z. B. ein Ausschlaftag nach dem Nachtdienst. Ich arbeite in Blöcken von vier aufeinander folgenden Nächten. Da komme ich mit einem Ausschlaftag nicht aus. Früher hatten wir eine Woche Nachtdienst, anschließend eine Woche frei. Das ist angemessen. Sie forderte auch einen freien Abend in der Woche. Bitte? Schichtdienste sind per se schon familienfeindlich und ein Hindernis für ein normales soziales Leben. Ein freier Abend in der Woche? Dann kann eine sich gleich ganz von Kind und Kegel und dem gesamten Freundeskreis verabschieden.
Ich arbeite seit 1975 überwiegend im Schichtdienst. In den 80er und 90er Jahren war das noch erträglich. Die Nachtdienste waren sehr lang, dafür fing der Frühdienst nicht vor 7:00 an und der Spätdienst hörte nicht nach 20:00 auf. Ich war in dieser Zeit zehn Jahre lang alleinerziehend und hatte das Glück, eine Tagesmutter für meine Tochter zu haben, die meine Dienste klaglos mitmachte, wofür ich ihr ewig dankbar sein werde. An den Dienstwochenden sprangen meine Eltern ein. Auch ihnen sei Dank!
Bei den heutigen Dienstzeiten wäre mir das nicht mehr möglich. Was soll ich mit einem Kind, wenn ich zum Frühdienst um 4:00 aufstehen muss und nach dem Spätdienst frühestens um 22:00 zu Hause bin.
Wenn Eltern in der Pflege arbeiten und Kinder haben, wie einige meiner Kolleg*innen, sehen sie sich oft tagelang kaum. Sie geben sich nur die Klinke in die Hand, damit immer einer für die Kinder da sein kann.
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Heute wachte ich nach einem Traum von der geschlossenen Station auf, auf der ich gestern arbeitete und hörte den strömenden Regen. Das schlug mir auf die Stimmung. Aber als ich rausging, sprang mir eine sich gerade auseinander faltende Stechapfelblüte ins Auge. Ich habe diese Pflanze von einer Teilnehmerin meines letzten Kräuterkurses geschenkt bekommen (Danke noch einmal, J.!) und hatte längst nicht mehr mit Blüten gerechnet.
Und die Herbstzeitlosen fangen an zu blühen. Also gibt es auch bei ungemütlichsten Wetter Grund zur Freude.
Ich nutzte dann die Zeit, um endlich mal das Wohnzimmer bis in den letzten Winkel zu entstauben und hörte dabei schöne Musik. Dabei entdeckte ich, daß eine von den Mäusen, die Skadi in die Wohnung gebracht hatte, sich hungrig über zwei meiner Fotoalben hergemacht hat.

Mittwoch, 6. September 2017

Traum

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Von meinem nächtlichen Traum ist mir nur noch die letzte Szene in Erinnerung geblieben:
ich sehe auf eine nebelverhangene Landschaft. Nach und nach erkenne ich durch die Lücken im Nebel Berge und Täler, größtenteils bewachsen mit Buchenwäldern. Irgendwie erinnerte die Landschaft an die Rhön, aber es fehlten die Weideflächen mit den Kühen und Schafen an den Hängen und es gab keine menschlichen Spuren.
War es ein Bild aus der Vergangenheit, als Europa noch ein einziges zusammenhängendes Waldgebiet war? Oder aus einer zukünftigen Zeit ohne Menschen?
Wie auch immer: ich wachte mit einem Gefühl des Friedens und der Freude auf. Ich bin mit den Wäldern des Deisters bei Hannover, des Harzes, des Sollings und des Reinhardswald aufgewachsen. Im Wald zu sein macht mich glücklich. Wenn ich Land hätte, würde ich es sich selbst überlassen und innerhalb weniger als einer Generation wüchse da wieder Wald.
Der grüne schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Habeck setzt auf Biogas. Das bedeutet Mais, Mais und noch mal Mais in der Landschaft. Mais bedeutet aber auch Verlust der Artenvielfalt, speziell der Wildpflanzen. Das bedeutet noch weniger Insekten, noch weniger Vögel. Und es bedeutet auch Humusschwund, Bodenverdichtung und Ackergifte.
Es gibt keine Partei, die ich wählen kann. Ich kann nur ein ganz großes Kreuz über den ganzen Wahlzettel machen. Gefallen hat mir aber, wie Sahra Wagenknecht Frau Weidel von der AfD abgebügelt hat, nachdem letzere sich ziemlich platt bei ihr einzuschleimen versuchte, sie sei die einzig vernünftige Person bei den Linken. Sahra Wagenknecht erwiderte ganz trocken: "Ach Frau Weidel, Ihr Lob können Sie sich sparen..." Ich mag Leute, die sich nicht von schönen Worten korrumpieren lassen.
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In der letzten Brennstoff gab es Fotos von der G20-Performance 1000 Gestalten. Die haben mich in der Tiefe angesprochen. Ich hatte davon vorher nur ganz wenig mitbekommen, die Berichterstattung hatte sich ja überwiegend auf den Krieg in den Straßen von Altona und Schanze konzentriert. Ich habe mir dann die Website der Initiatoren dieser Aktion und die Videos angesehen. Das ist für mich politische Kunst! Ganz großartig und sehr berührend: https://1000gestalten.de/die-aktion/
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Donnerstag, 31. August 2017

Zeit

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Eine ungelöste Sache begleitet mich seit meiner Schulzeit: das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben. Das liegt sicher auch daran, daß es so viel gibt, was mich interessiert, wofür ich mich einsetzen möchte, was ich lesen, erleben, erfahren, tun möchte. Und natürlich fand ich schon immer, daß ein Acht-Stunden-Arbeitstag zu lang ist, besonders, wenn diese acht Stunden an einem anderen Ort verbracht werden müssen.
Aber letzte Woche, als ich meine Tochter vom provisorischen ZOB in Kiel abholen wollte, hatte ich plötzlich eine ganze freie Stunde. Ihr Bus von Flensburg (z. Z. dauert die Fahrt mit dem Zug mehr als doppelt so lange wie sonst, da gebaut wird) kam verspätet, weil es einen Stau auf der Autobahn gab. Ich parkte mein Auto und stieg aus. Die Sonne schien, es war angenehm warm, es gab nichts zu tun. Ich schlenderte herum, entdeckte viele wilde blühende Pflanzen, die mitten in der Stadt an den Zäunen, zwischen den Schienen, aus den Rissen im Pflaster wuchsen: Wildnis in der Stadt. Ich sah zu, wie ein Mann auf einem neuen Haus stand und mit einer ausgeklügelten Handchoreographie einem Kranführer anzeigte, wohin er eine Stahlkette senken sollte, an der von zwei weiteren Männern eine Reihe von Gerüstteilen befestigt wurde. Das war Maßarbeit! Vom Parkplatz aus konnte ich auf das glatte Wasser der Hörn schauen, in dem Möwen dümpelten. Einer der Busfahrer hatte eine giftgrüne Krawatte in der Farbe seines Busses. Ein paar Fensterputzer saßen auf dem Bordstein und machten Pause. Alles Sachen, die ich sonst wohl nur am Rande wahrgenommen hätte.
Als meine Tochter schließlich ankam, konnte ich sie nach einer Stunde Muße gut gelaunt empfangen.
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Katharina mäht meinen Rasen. Später haben wir noch Holz im Schuppen gestapelt.
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Martin hat die von Jans geerbten Zeichen- und Druckutensilien vor sich ausgebreitet.

Später fuhren wir nach Flensburg und hatten dort zwei schöne Tage. Übrigens verzichtet Flensburg darauf, sich mit Wahlplakaten zuzupflastern wie andere Städte. K. erzählte, der Bürgermeister wolle keine "Kieler und Neumünsteraner Verhältnisse" (das stimmt so nicht, wie ich jetzt erfahren habe, siehe Korrektur vom 16.9.). Stattdessen bekommen alle Parteien eine relativ kleine Fläche auf Metallstellwänden, die an ausgesuchten Orten in der Stadt stehen. Ich finde diese Idee gut. Überhaupt Werbeplakate: mir gehen jetzt schon Schulz und die stark fotogeshopte Merkel auf den Keks, die mich von jedem zweiten Laternenpfahl angrinsen, ganz zu schweigen von den dämlichen Sprüchen. Aber am bemerkenswertesten finde ich die Plakate mit Lindner von der FDP: nur auf einem sieht er direkt in die Kamera, ansonsten schaut er auf sein Smartphone oder schräg nach unten, man weiß nicht recht wohin, vielleicht hat er einen Fettfleck auf seinem Hemd entdeckt. Was uns das sagen soll, weiß ich nicht. Ich nehme an, die Botschaft ist: ich und mein Smartphone.

Sonntag, 13. August 2017

Schönheit und Zerstörung

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Eigentlich habe ich mir vorgenommen, dem Schönen, Ermutigenden, Lebendigen meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Heute gelang mir das nicht so recht:
ich war das erste Mal in diesem Jahr im Kiesgrubenbiotop, um zu schauen, wie es dort jetzt aussieht und einen Kräuterstrauß zu pflücken.
Angrenzend an die große Fläche fand ich an der gleichen Stelle wie im letzten Jahr wieder ein Maisfeld vor. Fruchtfolge ist in der heutigen Landwirtschaft nicht mehr angesagt. Humus ade! kann ich dazu nur sagen. Überhaupt: Mais, Mais, Mais, wohin ich schaute. Für Biogasanlagen und Futtersilage, nehme ich an. Die Leute von der Agrarindustrie, die dafür verantwortlich sind (Bauern kann man sie nicht nennen), wissen übrigens, was sie tun. Sie werden sich in Zukunft, wenn wir nichts mehr zu essen haben, weil nichts mehr wachsen kann, nicht rausreden können. Hilft dann aber auch nicht weiter.
Ich versteckte mein Fahrrad zwischen Brombeeren und Knick und kroch auf einem Wildwechselpfad durch die Hecke. Das Biotop wird in diesem Jahr dominiert von wilder Möhre mit ihren Blütengalaxien und der fast schwarzen Mittelblüte, die im Wind schwankten. Ich mag sie sehr. Ihre Samen sind ein natürliches Verhütungsmittel, und als Tinktur helfen sie einer sich zu zentrieren. Auch Rainfarn gab es reichlich. Ich fand auf meinem Streifzug dann ganz überraschend eine kleine Tausendgüldenkrautpflanze. Tausendgüldenkraut ist mittlerweile streng geschützt, weil es kaum noch in freier Wildbahn vorkommt. Nicht nur, weil es nicht die Lebensbedingungen findet, die es braucht, sondern weil es immer wieder welche gibt, die es ausbuddeln, um es in ihren Garten zu pflanzen. Ich sage in meinen Kräuterkursen oft, daß ich es nicht gut finde, wenn Pflanzen ausgegraben werden. Aber ich weiß, daß einige das anders sehen. Welche seltene Pflanzen in ihrer Nähe haben will, hat die Möglichkeit, die als Samen oder Pflanze bei Rühlemanns zu bestellen. Die haben ein umfangreiches Sortiment, und ich kann sie ausdrücklich empfehlen.
Ich bewunderte riesige verblühte Herkulesstauden, die hier eine Chance haben. Das ist gut, denn ihre großen Blüten bieten reichhaltige Nahrung für Bienen und andere Insekten.
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Das Biotop darf ja offiziell seit einigen Jahren nicht mehr betreten werden. Es stehen da Schilder, die darauf hinweisen, daß es sich um ein Brut- und Setzgebiet handelt. Als ich es kennenlernte, war es an den Wochenenden ein beliebtes Ziel für Motocrossfahrer, die tiefe Rinnen in den Boden fuhren und einen Höllenlärm machten. Daß sie dort nicht mehr hinkommen und die wilden Tiere ihre Ruhe haben (und ich auch), finde ich gut. Aber mittlerweile stehen auf dem Gelände drei Hochsitze.
Um keine Bodenbrüter zu stören, benutzte ich nur die Wildpfade. Ich sah Damwild, das mich auch entdeckte, nicht vertrauenswürdig fand und mit grunzenden Geräuschen davon sprang. Aber es gab keine einzige Lerche. Das finde ich ganz traurig. Bisher habe ich jedes Jahr hier jubilierende Lerchen gehört und gesehen. Die gibt es sonst gar nicht mehr, weil ihnen schlicht der Lebensraum fehlt.
Von einem Hügel aus entdeckte ich eine Frau und einen Mann, die offensichtlich genauso wie ich illegalerweise hier unterwegs waren. Ich beschloss, sie freundlich zu grüßen, sollten sich unsere Wege kreuzen.
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Auf dem Rückweg fuhr ich an einer Weide vorbei, auf der Kühe mit Hörnern grasten, auch ein paar Kälber waren dabei. Das war dann doch ein erfreulicher Anblick.

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